Foto: Otto

Aufwändige Einreisebestimmungen und stichprobenhafte Covid-19-Tests an Flughäfen halten viele Menschen in diesem Sommer von einer Reise ins Ausland ab. Sie verbringen ihre Ferien in Zeiten von Corona  lieber im Inland. Doch auch hier ist die kostbare Auszeit längst nicht mehr so unbeschwert wie sonst. Die KURIER-Reporterin hat sich während ihres eigenen Urlaubs auf Rügen in den Ostseebädern umgesehen und fest gestellt: Die schönste Zeit des Jahres ist von Regularien wie Maskenpflicht, Mindestabständen und viel Bürokratie überschattet.

Schon bei der Ankunft an der Rezeption im Hotel im Ostseebad Göhren holt ein Formular den Gast sehr schnell in den Alltag zurück. Darin ist geregelt, dass er im Falle einer Infizierung mit Covid-19 bereit ist, freiwillig abzureisen. Das Virus macht eben keine Ferien. Auf den Gängen stehen Spender mit Desinfektionsmitteln und Schilder weisen auf die Maskenpflicht hin. Überall in den öffentlichen Räumen muss eine Mund-Nasen-Bedeckung getragen werden. Das Gefühl des Willkommenseins hat mit einem Mal einen faden Beigeschmack bekommen.

Sandra (48) und Thomas (51) Dorissen, die das Vier-Sterne-Hotel „Hotel Bernstein“ in Sellin betreiben, fünf Kilometer weiter weg, versuchen ihren Gästen den Aufenthalt trotz der Einschränkungen so angenehm wie möglich zu machen. „Es ist ein anderer Urlaub. Schon wegen des Mundschutzes.“ Die Gäste müssten Geduld mit bringen, auch mal vor dem Restaurant warten und in vier Schichten essen. Im Wellness-Bereich dürfen momentan nur vier Gäste auf einmal die Sauna oder das Schwimmbad nutzen. Um das alles personell zu wuppen, hat das Unternehmerpaar vier zusätzliche „Corona-Mitarbeiter“ in dieser Saison eingestellt. Seit 25. Mai haben sie wieder regulär geöffnet und sind sogar komplett ausgebucht. Zehn Prozent ihrer Gäste kommen aus Berlin und Brandenburg. Der höchste Anteil mit 17 Prozent an Gästen stammt aus Sachsen.

Hotelbetreiber-Ehepaar Sandra und Thomas Dorissen Foto: Otto

Thomas Dorissen führt neben dem Hotel noch eine zweite Firma, „Rügen Domizile“ mit 100 Ferienwohnungen und Häusern. Das Ehepaar stammt ursprünglich aus Cloppenburg (Niedersachsen) und lebt seit 18 Jahren auf der Insel. Damals begann Thomas Dorissen als Geschäftsführer im Hotel Bernstein und verwandelte das ehemalige Bushotel in ein Vier-Sterne-Haus. So eine Krise hat auch ein erfahrener Hotelier wie Dorissen noch nie erlebt, aber es gehe langsam aufwärts.

Nachdem sie während des Shutdowns mehr als eine Million Umsatz durch Stornierung wieder ausbuchen mussten, wie Thomas Dorissen sagt, hätten sie nach der Wiedereröffnung binnen kürzester Zeit wieder neue Buchungen in der gleichen Umsatzhöhe dazugewonnen, sogar schon für das folgende Jahr. Dass Mecklenburg-Vorpommern im Bundesvergleich die niedrigsten Fallzahlen aufweist, kommt den Hoteliers auf Rügen wohl auch zugute.  „Trotzdem können wir die Wochen unserer Schließung nicht wieder reinholen“, sagt Thomas Dorissen. Wenn alles weiter so bliebe, seien sie glimpflich davon gekommen. Und das sogar, obwohl sie ihr Hotel kurz vor der Corona-Krise gerade für eine Million umgebaut und 14 Tage geschlossen hatten. Es dürfe jetzt nur keinen neuen Shutdown geben.

Doch nicht jeder Unternehmer auf der Insel hat so viel Glück. „Viele haben arg zu kämpfen“, sagt ein Strandkorbwärter aus Göhren. Zwar sei die Nachfrage laut des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands wie im Sommer üblich generell hoch, aber man gehe auch von einer „leicht geringeren Zahl von Reisenden“ aus, „aufgrund coranabedingt teils begrenzter Kapazitäten sowie der Zurückhaltung einiger Gästegruppen beim Reisen“, sagt Matthias Dettmann, Hauptgeschäftsführer Dehoga Mecklenburg-Vorpommern dem KURIER. Die Situation habe auch Auswirkungen auf die wirtschaftliche Situation der Betriebe. Speziell für den Herbst und Winter rechneten viele Unternehmen mit teils erheblichen Schwierigkeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass noch immer keine Tagesgäste nach Mecklenburg-Vorpommern kommen dürfen und diese Einnahmen in der Kasse fehlen.

Eines der Hauptprobleme in der Hotellerie und Gastronomie ist, Personal zu bekommen. „Viele Saisonkräfte haben andere Jobs angenommen, um nicht in Hartz IV zu rutschen“, weiß Andreas Koch (48), der den Knaus Camping- und Ferienhauspark mit 144 Stellplätzen in Altenkirchen leitet. Mitarbeiter benötigt Koch jetzt händeringend, weil das Campinggeschäft in Zeiten von Corona boomt. „Ich habe noch nie so viele Mietwohnmobile wie in dieser Saison auf der Insel gesehen“, sagt er. Auch er habe an diesem Tag nur noch zwei freie Stellplätze übrig und die könnten auch nicht länger als für zwei Nächte genutzt werden. „Längere Aufenthalte sind bei uns momentan gar nicht mehr möglich“, sagt er.

Unter den Campern ist auch eine Brandenburger Familie aus Falkensee. Sie sind seit zehn Jahren mit ihrem Wohnmobil in Deutschland an der See und in den Bergen unterwegs. In Altenkirchen sind sie zum ersten Mal. „Es sind andere Ferien als sonst“, sagt Tochter Thordis (15). Sie müsse immer daran denken, die Maske dabei zu haben. Oft laufe sie zu den Waschräumen und müsse wieder umkehren, weil sie ihren Mundschutz vergessen habe. Dass sie viel draußen in der Natur sind, sei aber gerade in Virus-Zeiten von enormen Vorteil, weil die Gefahr einer Infizierung dort nicht so hoch sei.

Angst vor einer Ansteckung hätten sie auf dem Campingplatz ohnehin nicht, sagt Mutter Daijana Wittkowski, die in Falkensee eine Praxis für Allgemeinmedizin betreibt. „Ich finde es gut, dass überall auf dem Platz Desinfektionsspender aufgestellt sind“, sagt sie. Die anderen Gästen seien auch sehr vernünftig und hielten sich an die Regeln.

Trotzdem gibt es auch Urlaubsgäste, die besorgter sind, weil sie zur Risikogruppe zählen. Karl Oriroi (62) und Ehefrau Hilde (62) tragen sogar am Strand ihre Masken. „Uns sind hier zu viele Menschen auf einem Fleck. Wir haben Angst uns anzustecken“, sagt Hilde Oriroi. Während das belgische Paar an diesem Nachmittag mit Mund-Nasen-Bedeckung am Strand sitzt, bereitet Jan Diekmann mit seinen Mitarbeitern das Abendessen im Hotel Bernstein für seine 144 Gäste vor. Auch sie müssen bei Temperaturen um 40 Grad aufwärts in der Küche einen Mundschutz tragen. „Es ist sehr anstrengend für das Personal unter den Masken, aber da wir in der Küche keine Mindestabstände einhalten können, sind sie zum Schutz zwingend erforderlich“, sagt der Küchenchef. Die Pandemie fordert alle heraus. Nicht nur die Gäste. Unbeschwert ist diese Saison nicht.