Eine Biene fliegt auf eine Blüte zu. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Es ist mehr als nur ein Gefühl, das Autofahrer nach einer langen Reise auf der Autobahn haben, wenn sie ihre erstaunlich saubere Windschutzscheibe beobachten. Es gibt weniger Insekten als früher. Eine Studie aus dem Jahr 2017 legte dar, dass die Zahl der Insekten im Rheinland im Vergleich zum Jahr 1990 um drei Viertel zurückging. Eine dramatische Entwicklung, denkt man an die wichtige Arbeit der kleinen Tiere. Schließlich tragen sie Pollen von Blüte zu Blüte – und erwirtschaften damit jede Menge Geld.

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Im Fachmagazin „Ecological Economics“ beschreiben Forscher der Uni Hohenheim eine Welt ohne Insekten. Und die wäre nicht nur leiser und weniger krabbelig, sondern vor allem eines: deutlich teurer und nicht annähernd so produktiv. Christian Lippert, Professor für Produktionstheorie und Ressourcenökonomik im Agrarbereich, sowie seine Kollegen Arndt Feuerbacher und Manuel Narjes errechneten, dass die Gesellschaft in Deutschland rund 3,8 Milliarden Euro verlieren würde, wenn mit einem Mal alle bestäubenden Insekten verschwinden würden. Weltweit geht demnach sogar eine Billion US-Dollar auf die Bestäubungsarbeit von Tieren zurück.

In Deutschland sind es vor allem Bienen, die diese Arbeit leisten. Hinzu kommen Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten – und ihr Einfluss ist riesig. So sind 65 Prozent des Äpfel- und Kirschenerträge hierzulande der Bestäubung durch Tiere zu verdanken. Beim Kürbis sind es sogar 95 Prozent. Weniger Abhängig von Bienen und Co. sind hingegen Reis und Weizen, die Wind- oder Selbstbestäuber sind.

Eine mehrjährige Blühfläche in Niedersachsen soll Insekten und anderen Tieren einen Rückzugsort und eine Nahrungsgrundlage schaffen. Foto: dpa/Julian Stratenschulte

Würden also bestäubende Insekten plötzlich von der Erde verschwinden, würde es zu Ernteausfällen – und somit auch zu höheren Preisen kommen. „Landwirte können geringere Erträge bis zu einem gewissen Grad durch höhere Preise kompensieren. Aber der Verbraucher verliert auf jeden Fall“, erklärt Professor Lippert in einer Mitteilung der Universität.

Die Studie unterscheidet sich vor allem in einem Punkt von früheren Berechnungen. Denn bislang wurden solche Schätzungen unter der Annahme getroffen, dass sich die Agrarsysteme langfristig an das Insektensterben anpassen. „Das ist aus unserer Sicht jedoch nicht korrekt, weil die langfristigen Anpassungsreaktionen sowohl der Agrarökosysteme als auch von Angebot und Nachfrage nicht absehbar sind“, so Lippert. Deshalb habe man den wirtschaftlichen Verlust für das Jahr unmittelbar nach dem hypothetischen Ausfall aller Bestäuber simuliert. Danach, so sagt er, würden andere Mechanismen greifen, die diesen Verlust ausgleichen. Beispielsweise könnten „verstärkt selbst- und/oder windbestäubte Sorten angebaut werden“.

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Während ein plötzlicher Wegfall aller bestäubenden Insekten tatsächlich nicht sonderlich realistisch klingt, befinden wird uns aber dennoch in einer Phase des bedrohlichen Insektensterbens. Dabei könnte man dem durchaus entgegentreten – und die Studienautoren haben auch schon eine Idee, woher das Geld für diese Maßnahmen kommen soll: Die errechneten 3,8 Milliarden Euro, die die Insekten in Deutschland erwirtschaften, würden nämlich ausreichen, um auf der Hälfte der deutschen Agrarflächen biodiversitätsfördernde Agrarumweltprogramme zu finanzieren.