Alexander Schmalz in San Cristobal: Die touristisch geprägte Fußgängerzone in San Cristóbal ist jetzt gesperrt. Foto: Schmalz

Zehn Monate lang lebten wir unseren Traum: Eine gemeinsame Weltreise. Selbst während der Corona-Krise bereisten Ina (35) und ich (40) ungehindert drei Kontinente. Von Einschränkungen, Angst oder Panik blieben wir verschont. Wir schafften es bis nach Mexiko. Doch dann traf es auch uns –  Lockdown!

Es ist der Endspurt, das Finale unserer Runde um die Erde. Unsere letzte große Etappe sollte uns von Mexiko-Stadt 2000 Kilometer über Land bis an die  Küste nach Cancún führen. Von dort aus wollten meine Lebensgefährtin und ich zu Ostern zurück nach Berlin fliegen. Zurück in die Heimat, zurück zu unseren Familien.

Doch nun hängen wir fest. Auf der Hälfte der Strecke gab Mexikos linker Präsident als einer der letzten Staatschefs dem internationalen Druck und der Angst der Bevölkerung nach. Auch er verhängte Ende März erste Corona-Maßnahmen.

Der KURIER-Reporter inmitten von Palavers, traditionellen Skelettfiguren aus Ton oder Pappmaché. Foto: Schmalz

Daraufhin haben wir uns vorsorglich ein sicheres Quarantäne-Quartier gesucht. Die Wahl fiel auf San Cristóbal, eine kleine Bergstadt im Süden Mexikos. Wir mieteten uns eine Wohnung mit Küche. Selbstversorgung ist derzeit das Wichtigste. „Niemand weiß, ob plötzlich alle Shops schließen“, sagt unser Vermieter José. Wir fühlen uns gut aufgehoben. Die Gegend hier, der Bundesstaat Chiapas, ist das landwirtschaftliche Zentrum Mexikos. „Damit ist Nahrung  auf lange Zeit kein Problem“, beruhigt uns José. Und: Das nächste größere Krankenhaus ist „nur“ knapp 70 Kilometer entfernt.

Mexikos Regierung kämpft gleichzeitig an zwei Fronten: Corona und Kriminalität

Sechs Corona-Fälle wurden bis Karfreitag offiziell in San Cristóbal gezählt. Das sonst so touristische Städtchen liegt 2200 Meter hoch und ist von indigenen Dörfern umgeben. Ihre Bewohner stammen von den Maya ab. Sie waren stets an Kulturaustausch und Touristen interessiert. Einflussreiche Dorfoberhäupter haben jetzt beschlossen, dass Gringos keinen Zutritt mehr in die beiden größten touristischen Bergdörfer haben. Sie wollen ihre Bewohner beschützen. Vor Corona. Vor den Europäern und den Amerikanern, heißt es.

Mexikos Regierung kämpft gleichzeitig an zwei Fronten: Corona und Kriminalität. Es werden Kriege zwischen Drogenkartellen befürchtet. Unser gut vernetzter Nachbar Akbal, ein Unternehmer, meint: „Seitdem Touristen aus Mexiko verschwunden sind, bleiben die Kartelle auf großen Mengen ihres Stoffs sitzen.“

Doch das Hauptproblem ist eher die ohnehin große Armut des Landes. Nach Verkündung des Lockdowns Ende März kam es in einigen Großstädten zu  Plünderungen. Horden  zerschlugen Schaufenster. Ihre Beute: kein Klopapier, sondern vor allem Elektrogeräte. Die Lebensmittel ließen sie in den Regalen liegen. Seitdem werden in vielen Großstädten die Supermärkte von schwer bewaffneten Polizisten bewacht.

In San Cristóbal geht es  entspannter zu. Hier wird der Lockdown eher interpretiert als befolgt. Schulen und die meisten Geschäfte und Restaurants, die vom Tourismus leben, sind geschlossen. Einige andere Lokale  haben hingegen geöffnet. Es scheint, als würde hier jeder selbst entscheiden, ob und wie weit er sich isoliert. Von massiver Polizeipräsenz keine Spur. Nur ein paar rundliche Beamte spazieren gemütlich durch die Innenstadt.

Seit Juni 2019 sind Alexander Schmalz und seine Freundin Ina unterwegs auf Weltreise. Mexiko ist Land Nr. 13. Foto: Schmalz

Womöglich kontrollieren sie, ob sich alle an das einzige wirkliche Verbot halten: den Verkauf von Alkohol. Mexikaner lieben ihren Mezcal und Tequila. Ohne Agaven-Schnäpse keine Menschenansammlungen, haben sich die Behörden ausgerechnet. Offiziell gibt’s kein Tröpfchen. Doch unter den Ladentheken geht einiges.

Einheimische wechseln die Straßenseite, wenn wir entgegenkommen

Bis auf die touristische Fußgängerzone ist die Innenstadt noch immer belebt. Viele machen weiterhin ihre Besorgungen – gerne auch zu zweit oder zu dritt. Mundschutz wird nur vereinzelt getragen. Einen einzuhaltenden Mindestabstand gibt es nicht. Der riesige Markt pulsiert wie eh und je. Hunderte Menschen schieben sich täglich dicht gedrängt an den Ständen vorbei. Gemüse, Obst, Fleisch – alles wird unverpackt auf Holztischen oder einfach auf dem Erdboden präsentiert. Anfassen für die Qualitätskontrolle ist völlig normal. „Die  Bewohner der umliegenden Dörfer sind so arm, dass sie ihre Produkte weiter verkaufen müssen“, sagt José.

Auch wir kaufen hier Obst und Gemüse. Uns fällt auf, dass die ersten Einheimischen die Straßenseite wechseln, wenn wir entgegenkommen. Der beliebte Geldbringer aus Europa ist für manche zur gefährlichen Virenschleuder geworden. Ein ungewohntes Gefühl. Monatelang waren wir gern gesehene Gäste. Egal ob in Asien, Ozeanien oder Südamerika – wir wurden freundlich mit Handschlag begrüßt,  angelächelt,  auch mal berührt. Die freundliche Nähe weicht mehr und mehr argwöhnischer Distanz.

Gleichzeitig schreiben uns Mexikaner, stille Begleiter unserer Reise, über unseren Instagram-Account an. Sie bieten uns Hilfe an, laden uns zu sich nach Hause ein. Sie offerieren uns sogar kostenlos  Unterkunft und Verpflegung.
Stattdessen versuchen wir jetzt  weiterzureisen, nach Hause zu kommen. Vereinzelte Fernbusse sollen noch fahren. Die Angaben wechseln. Einige Straßen und Städte sollen  abgeriegelt worden sein. Für den 2. Mai haben wir einen Rückflug gefunden – über Zürich nach Berlin. Wir hoffen jetzt, dass der Flieger wie geplant geht.

Ostern verbringen wir nun also ohne Freunde und Familie. Doch wäre es in Deutschland anders gewesen? Nein! Kontaktverbot – auch an den Feiertagen. Zwangsquarantäne statt Willkommensparty. Ein beklemmendes Gefühl nach zehn Monaten absoluter Freiheit.