Kerzen wurden zum Gedenken an die getötete 14-Jährige aufgestellt.
Kerzen wurden zum Gedenken an die getötete 14-Jährige aufgestellt. dpa/Christoph Schmidt

Am Tag nach dem schrecklichen Angriff auf zwei Schülerinnen in Illerkirchberg sitzt der Schock tief. Eines der beiden Mädchen, eine 14-Jährige, soll von einem 27-jährigen Mann erstochen worden sein. Das zweite Mädchen (13) wurde schwer verletzt.

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In der kleinen Seitenstraße, in der die Tat geschah, rollen Tränen über die Gesichter der Menschen. Sie schluchzen, klagen, halten sich in den Armen - und können das Unfassbare nicht fassen. Vor ihnen leuchtet ein Meer aus roten Kerzen, auch Blumen und Grußbotschaften stehen an der niedrigen Mauer.

Ein kleiner Teddybär sitzt zwischen den Kerzen, etwas weiter links steht eine Engelsfigur. „Hoffentlich bekommt der Mörder seine gerechte Strafe“, steht auf einem handbeschriebenen Zettel. Auf einem Schild prangt die Frage: „Wann wird endlich reagiert?“.

Deutschland lasse Flüchtlinge hier alleine, ohne Arbeit, ohne Zukunft

Unter dem Meer aus Kerzen und Mitgefühl ist noch die grelle Sprühfarbe der Polizei zu sehen. Damit wurden am Tag zuvor Spuren gesichert und Blutspritzer gekennzeichnet. Direkt gegenüber ist das heruntergekommene Flüchtlingsheim, in das der mutmaßliche Täter unmittelbar nach der brutalen Messerattacke auf die zwei Mädchen flüchtete. 

So frisch wie das Verbrechen ist auch der Schmerz in der 5000-Einwohner-Gemeinde südlich von Ulm. „Man kann nicht beschreiben, was hier passiert ist“, sagt eine Frau, die diesen Schulweg auch immer mit ihrer Enkelin entlangläuft. „Wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel hier friedlich leben.“

Die Behörden hätten etwas tun können, Probleme rund um das Flüchtlingsheim seien im Ort bekannt gewesen, sagt die 59-Jährige, die selbst türkische Wurzeln hat. „Wir sind aufgebracht und traurig.“ Deutschland lasse Flüchtlinge hier alleine, ohne Arbeit, ohne Zukunft, so die Meinung hier. Ihr tue deshalb auch der Täter leid, sagt sie.

Störungen bei der bewegenden Andacht für das getötete Mädchen

Fassungslosigkeit und tiefe Trauer bestimmen am Dienstagabend auch die ökumenische Andacht für das getötete Mädchen. Es könne ein Trost sein, dass Menschen verschiedener Religionen, mit oder ohne Glauben, zusammen seien, sagt der evangelische Pfarrer Andreas Wündisch bei der Andacht. Auch die katholische Pastoralreferentin Adelheid Bläsi sagt, dass es im Beieinandersein der Menschen einen „Funken Trost“ geben könne.

Nach dem tödlichen Angriff auf eine Schülerin am Montag im schwäbischen Illerkirchberg hatten die Kirchen in dem Ort nahe Ulm für Dienstagabend zum Trauern eingeladen. An der Andacht nahmen auch Vertreter der alevitischen Gemeinde teil, da das getötete Mädchen einen türkischen Migrationshintergrund hatte.

Auch Passanten drücken immer wieder ihr Ensetzen über die Tat aus. In einem Video des Fernsehsenders RTL äußert sich einer: „Empörend ist das. Unmenschlich“, sagt er. Eine Frau hat Mitgefühl mit der Familie, wie viele in der Ortschaft: „Die armen Eltern, ich sag es Ihnen. Ich könnte heulen.“

Doch selbst in der Trauerfeier können einige Teilnehmer Störaktionen nicht sein lassen. Es gibt Zwischenrufe, in denen gefordert wird: „Das Volk muss aufstehen gegen die Regierung.“ Einige Teilnehmer verurteilen die Rufe, auch der Bürgermeister der Gemeinde äußert sein Unverständnis.

Thomas Strobl (vorn) legt mit dem türkischen Botschafter Ahmet Basar Sen bei einer Schweigeminute einen Kranz nieder.
Thomas Strobl (vorn) legt mit dem türkischen Botschafter Ahmet Basar Sen bei einer Schweigeminute einen Kranz nieder. dpa/Bernd Weißbrod

Türkischer Botschafter besucht Familien vor Ort

Auch dem türkischen Botschafter ist es am Dienstag ein Bedürfnis, verunsicherte Menschen in der Region zu unterstützen. Die Eltern des getöteten Mädchens sind türkische Staatsbürger. Ahmet Basar Sen fordert eine lückenlose Aufklärung des Angriffs von den deutschen Behörden. Die türkische Gemeinschaft sei stark verunsichert, erzählt er beim Ortsbesuch. Baden Württembergs Innenminister Thomas Strobl sichert restlose Aufklärung zu.

Beide, Botschafter und Innenminister, halten am Tatort für eine Gedenkminute inne. Viele Journalisten und Polizisten sind deshalb vor Ort. Zwei Kinder mit bunten Schulranzen bahnen sich einen Weg durch die wartende Menge, sie müssen hier vorbei, um zum Bus zu gelangen - so wie die beiden Mädchen am Tag zuvor. „Die Eltern haben Angst, die Großeltern, die Geschwister - alle haben Angst“, sagt eine Anwohnerin.

Am Nachmittag lädt die Alevitische Gemeinde in Ulm, zu der die Familie des getöteten Mädchens gehört, zu einer Kondolenzstunde. Mehr als hundert Menschen sind gekommen. Sie stehen vor dem Gebäude Schlange, um der Familie im Gebäude ihr Beileid auszusprechen. Auch der türkische Botschafter ist gekommen.

Eine 41-jährige Frau steht vor der Tür und wirkt aufgewühlt. Sie kennt die Familie seit ihrer Kindheit, erzählt sie. „Jeder hier kannte sie.“ Die Familie sei bereits in den 70er Jahren nach Deutschland gekommen und gut integriert gewesen. Die Frau spricht von einem strukturellen Problem. „Die Flüchtlinge werden irgendwo reingesteckt und allein gelassen.“ Die Behörden dürften Asylbewerber nicht aus dem Blick verlieren. „Das ist nicht das erste Mal“, sagt sie. „Diesmal hat es uns getroffen.“