Ein Altar für den verstorbenen Star: Die Bar Nilo in Neapel ist reich verziert mit Bildern von Maradona.  dpa/Jan Woitas

Neapels Bewohner sind fromme Menschen, Hausaltäre zieren die Gassen der Altstadt. Zu einer Art neuem Stadtheiligen ist der verstorbene Fußballer Maradona avanciert – der Kult nimmt skurrile Züge an.

Wie die meisten Bewohner Neapels hat auch Gianmarco ein Heiligenbild von Stadtpatron San Gennaro an seine Windschutzscheibe geklemmt. „Ohne seinen Schutz wäre unser Leben kaum vorstellbar“, sagt der Taxifahrer und steuert seinen Wagen die Seepromenade entlang. 

Die Neapolitaner verehren den Patron der Stadt, der im Jahr 305 nach Christus als Märtyrer starb und 1631 die Gebete der Einwohner erhört haben soll: Er habe einen Ausbruch des Vesuvs gestoppt und die Stadt in Süditalien damit vor der Zerstörung bewahrt, so geht die Legende.

Maradona ist eine Art neuer Stadtheiliger

Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars.  dpa/Ute Müller

Die tief katholischen Neapolitaner haben viele Schutzpatrone. Doch San Gennaro hat inzwischen ernstzunehmende Konkurrenz bekommen: Diego Maradona. Seit seinem Tod im November 2020 im Alter von nur 60 Jahren ist der legendäre Fußballer eine Art neuer Stadtheiliger. Immerhin führte er den SSC Neapel zweimal zur italienischen Meisterschaft.

Maradonas Konterfei prangt in fast jeder Straße an Hauswänden, Laternen oder Türen. In der traditionsreichen Via San Gregorio Armeno in Neapels Altstadt ist seine Figur in allen Größen und Varianten ein Bestseller – gerne auch in Engelsversion mit Flügeln.

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Maradona als Engel mit Flügeln

„Niemand verbindet derart problemlos Heiliges und Profanes wie wir Neapolitaner“, erklärt Geschichtswissenschaftler Gianni Russo scherzend. „Neapel und Maradona, das ist eine Liebesgeschichte der besonderen Art.“

Ein paar Gassen weiter befindet sich die Bar Nilo, wo der Maradona-Kult skurrile Züge annimmt. Hier kann man echtes Haupthaar des argentinischen Fußballers bewundern, aufbewahrt hinter Glas.

Wie kam es bloß dorthin, fragt man sich als auswärtiger Besucher. Die Geschichte dazu ist großartig. Barbesitzer Bruno Alcidi soll einst nach einem Auswärtsspiel in Mailand hinter Maradona im Flugzeug gesessen haben. An der Kopfstütze vor sich entdeckte er angeblich einen kleinen Haarbüschel des großen Idols und nahm diesen mit, und zwar ganz vorsichtig in einer Zigarettenschachtel.

Maradonas Haar in einem Schrein

Daheim in Neapel bastelte sich Alcidi seinen ganz privaten Schrein mit dem „capello miracoloso di Maradona“, dem wundersamen Haar des Fußballers, außerdem mit Fotos und einer Marienfigur. Inspiriert wurde der Barbesitzer von den vielen Altären mit Madonnenfiguren, die in Neapels Altstadt an fast jeder Ecke stehen. Bevor es Elektrizität gab, waren sie die einzigen Lichtquellen in der Nacht.

Neben Alcidis Bar gibt es noch eine weitere Pilgerstätte für Maradona-Fans. Dafür muss man sich durch das steile und enge Gassennetz in den Quartieri Spagnoli nach oben kämpfen und dabei aufpassen, nicht von einem Moped angefahren zu werden.

Gegenüber der Kneipe Bodega de Dios liegt ein moderner Maradona-Tempel unter freiem Himmel, gekrönt von einem riesigen Wandgemälde des Stars. Hier, wo im 16. Jahrhundert die Familien spanischer Truppen eine bescheidene Behausung fanden, treffen sich nun allabendlich Fans. Auf dem Platz gegenüber der Kneipe gibt es neben Trikots alle nur denkbaren Maradona-Devotionalien.

In den Quartieri Spagnoli gehen die Maradona-Trikots weg wie warme Semmeln.  dpa/Ute Müller

Susi Bostik, die Tochter des Kneipenwirts, ist stolz auf den Star: „Er hat unserer Stadt und dem armen Süden Italiens die Würde zurückgegeben. Seit Maradona haben wir keine Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Norden mehr.“ Und es hat sich noch etwas verändert. „Früher traute sich kein Fremder hier hoch, doch inzwischen ist unser Viertel sicher“, sagt Susi Bostik.

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Die Stadtverwaltung setzt alles daran, das Image der drei Traditionsviertel in der Altstadt Neapels zu verbessern. Sie hat zum Beispiel damit begonnen, den jungen Camorra-Bossen gewidmete Schreine in Forcella, Sanità oder Quartieri Spagnoli zu entfernen – oftmals gegen den Protest der Anwohner.

Unweit von Bostiks Bar, an der Piazzetta Parrocchiella, wird zum Beispiel Ugo Russo mit einem grelltürkisen Wandgemälde gehuldigt. Der Junge wurde im Alter von 15 Jahren von der Polizei getötet, als er bei einem Raubüberfall eine Plastikpistole zückte. Das Bild soll nun bald verschwinden. Susi Bostik und ihre Freunde sind damit zwar nicht einverstanden. Doch es gibt einen Trost: „Wir haben ja unser Idol, nämlich Diego Maradona“, sagt die Neapolitanerin.