Eine Familie kauft im Jahr 1990 ein. Foto: dpa/Wolfgang Weihs

Drei Dekaden sind eine Ewigkeit, meinen die Jungen, drei Jahrzehnte vergehen wie im Flug, denken dagegen viele Ältere. Seit der Deutschen Einheit vom 3. Oktober 1990 hat sich vieles im Alltag verändert. Eine Übersicht in Sachen deutscher Lifestyle:

Lebenserwartung: Die aktuelle Lebenserwartung für Mädchen liegt laut Statistischem Bundesamt heute bei mehr als 83 Jahren und für Jungen bei fast 79 Jahren. 1990 betrug die Lebenserwartung für ein in der Bundesrepublik geborenes Mädchens 79 Jahre, die eines Jungen etwa 73 Jahre. Für die neuen Länder und Ost-Berlin lagen die Vergleichszahlen von 1989 für Mädchen bei etwa 76 und für Jungen bei 70 Jahren.

Bierkonsum: Aktuell liegt der Pro-Kopf-Verbrauch von Bier laut Deutschem Brauerbund bei etwa 100 Litern. Vor 30 Jahren soll demnach jeder in Deutschland noch rund 143 Liter getrunken haben. Rekordjahr soll in Westdeutschland 1976 gewesen sein – mit gut 151 Litern.

Fußball: 2020 fiel die Fußball-EM wegen Corona aus, 1990 war ein WM-Jahr und Deutschland wurde zum dritten Mal Weltmeister – in Rom und mit Franz Beckenbauer als Bundestrainer. Deutscher Meister wurde damals ebenso wie dieses Jahr der FC Bayern München. Damals war es der elfte, in diesem Jahr schon der 29. Titel. Die letzte DDR-Fußball-Oberliga, beendet im Mai 1991, gewann Hansa Rostock.

Teamchef Franz Beckenbauer bejubelt mit seiner Mannschaft den WM-Sieg in Rom. Foto: dpa/picture alliance

Glaube: Zurzeit sind Kirchenangaben zufolge gut 50 Prozent der deutschen Bevölkerung evangelisch oder römisch-katholisch. Vor 30 Jahren waren es noch 72 Prozent. In der DDR waren allerdings 1990 rund 70 Prozent ohne konfessionelle Bindung. Der Anteil der Muslime stieg zwischen 1990 und 2020 von geschätzt 3,7 auf gut 5 Prozent. Die Anzahl der Mitglieder der jüdischen Gemeinden in Deutschland lag vergangenes Jahr bei etwa 95.000, vor 30 Jahren bei nicht mal 30.000.

Rauchen: Nach neuesten verfügbaren Zahlen des Deutschen Krebsforschungszentrums unter Berufung auf den Mikrozensus sind heute 22 Prozent der Menschen über 15 Jahren in Deutschland Raucher – vor 30 Jahren waren es fast 30 Prozent. Der Raucheranteil bei Männern sank von 37 auf 26 Prozent, bei Frauen von 22 auf 18 Prozent.

Fleisch: In Deutschland ernähren sich heute rund acht Millionen Menschen vegetarisch und 1,3 Millionen vegan, heißt es vom Interessenverband ProVeg. Vor 30 Jahren war Schätzungen zufolge erst etwa ein Prozent der damaligen Bevölkerung Vegetarier, also etwa 800.000.

Sonntag: Etwa 4 Millionen Fernsehzuschauer – und damit mehr als die durchschnittlichen zwei Millionen zuletzt – hatten im März 2020 die letzte Folge der „Lindenstraße“ gesehen; vor 30 Jahren war die Sonntagsserie noch ein Straßenfeger mit um die neun Millionen Zuschauern, nachdem es in den Anfangsjahren 1985 bis '88 sogar über zehn Millionen waren.

Schauspielerin Marie-Luise Marjan, bekannt als Mutter Beimer, in der langjährigen Erfolgsserie Lindenstraße. Foto: dpa/Marius Becker

Fernsehen: 211 Minuten (also drei Stunden und 30 Minuten) betrug die tägliche Sehdauer vor dem Fernseher in Deutschland vergangenes Jahr. 1990 waren es im Schnitt 147 Minuten (etwa zweieinhalb Stunden), wobei sich das nur auf Westdeutsche bezieht. Gesamtdeutsche Zahlen gibt es laut AGF Videoforschung erst ab 1992 (158 Minuten).

Urlaub: Bevor Corona-Reisewarnungen die Tourismuswirtschaft durcheinanderwirbelten, waren die Deutschen letztes Jahr sehr reisefreudig. 2019 führten 74 Prozent aller Urlaubsreisen ins Ausland – laut Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) so viele wie noch nie. Der Anteil der Fernreisen lag bei 8,4 Prozent. Klarer Spitzenreiter war Spanien mit 12,7 Prozent Marktanteil, gefolgt von Italien, der Türkei, Österreich und Griechenland. Auch 1990 war schon Spanien vor Italien das populärste Ausland.

Inlandsurlaub: Laut FUR-Studie ist innerhalb Deutschlands das Ostsee-Bundesland Mecklenburg-Vorpommern das beliebteste Reiseland – vor Bayern, Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Baden-Württemberg. 1990 verzeichneten Statistiker nach dem Mauerfall eine enorme Reisefreudigkeit der Ostdeutschen. Die Zahl der Wessi-Reisen in die neuen Bundesländer blieb damals dagegen unter den Erwartungen.

Im Juli 1990 staute sich der Verkehr auf der A8 in Bayern in Richtung Süden. Foto: dpa/Frank Mächler

Berlin: Deutschlands Hauptstadt ist neben London und Paris zu einem der Top-3-Reiseziele in Europa geworden. Vor dem Corona-Einbruch wurden letztes Jahr fast 14 Millionen Gäste registriert mit gut 34 Millionen Übernachtungen. Anfang der 90er waren es laut Amt für Statistik Berlin-Brandenburg lediglich 3 Millionen Gäste pro Jahr.

Tourismus: Laut Deutscher Zentrale für Tourismus gab es 2019 etwa 90 Millionen Übernachtungen ausländischer Gäste in Deutschland. Das waren etwa dreimal so viele wie 30 Jahre vorher.

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Frauen: Seit 15 Jahren steht eine Frau an der Spitze der Bundesregierung. 1990 schien das weit weg, es gab sowohl in der BRD als auch in der DDR nur Männer an der Staatsspitze. Der Frauenanteil im aktuellen Bundestag liegt bei gut 30 Prozent, nachdem er in der vorherigen Wahlperiode schon bei fast 40 Prozent lag. Im ersten gesamtdeutschen Bundestag Ende 1990 saßen 20 Prozent Frauen.

Homosexualität: Heute dürfen in Deutschland auch gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Vor 30 Jahren war es noch recht homophob im Land, die Berichterstattung über den im Sommer 1990 getöteten schwulen Schauspieler Walter Sedlmayr war reißerisch, und der Fernsehkuss zweier Männer in der „Lindenstraße“ erregte viel Aufsehen. Bis 1994 gab es im Westen ein höheres Schutzalter für Schwule als im Osten, weil die konservative BRD noch jahrelang am diskriminierenden Paragrafen 175 festhielt.