Brad und Cyndi Marler wohnen seit diesem Jahr getrennt, bleiben aber ein Ehepaar. Ihre Laune ist besser als das Foto zu zeigen scheint. Foto: AP/Charles Rex Arbogast

Eine Ehe kann viele Geheimnisse bergen. Bei Cyndi und Brad Marler war es die Homosexualität – und zwar beider. Erst Jahre nach ihrer Hochzeit gestanden sie sich gegenseitig ein, dass sie sich eigentlich jeweils zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlten. Und dann blieb es mehr als drei Jahrzehnte lang ihrer beider Geheimnis.

„Wir sagten immer: Es sind wir gegen die Welt“, sagt Brad Marler. Ihre Homosexualität schlummerte unter der Oberfläche eines typisch amerikanischen bürgerlichen Lebens. In zwei kleinen Städten in Illinois waren sie die unauffällige Familie mit zwei Kindern.

Inzwischen sind die Marlers Ende 50 und haben genug von der Heimlichtuerei. Sie entschieden sich, endlich authentisch zu leben, wie sie sagen. Zuerst sagten sie es den erwachsenen Kindern – einem Sohn und einer Tochter. Und dann begannen sie ihr neues Leben in der Großstadt Chicago.

Coming-out erfolgt früher

Auch wenn die Forschung zeigt, dass Homo-, Bi- oder Transsexuelle in den USA sich mittlerweile früher zum Coming-out entschließen als ältere Generationen, so wagten es Cyndi und Brad Marler doch lange nicht. „Die Gesellschaft hat noch immer die Arme nur wenig geöffnet“, erklärt Ilan Meyer vom Williams-Institut an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, das die Forschung zu sexueller Orientierung und Recht zum Schwerpunkt hat.

Es tue sich zwar viel in der öffentlichen Haltung, in Recht und Politik, sagt Meyer. „Aber das hat nicht hundert Jahre Homophobie in der Gesellschaft weggespült.“

Cyndi und Brad Marler mit ihren Hochzeitsbildern von 1989. Foto: AP/Charles Rex Arbogast

Als sie groß geworden seien, seien ihnen Vorstellungen eingetrichtert worden wie: „Wenn man homosexuell ist, kommt man direkt in die Hölle“, sagt Cyndi Marler. Selbst als die LGBTQ-Bewegung wuchs und landesweit die Lesben und Schwule auch rechtlich gestärkt wurden, wahrten die Marlers weiter ihr Geheimnis. Sie zogen die Kinder auf und verzichteten auf Seitensprünge. Nach außen verkörperten sie klassische Geschlechterstereotypen: Cyndi hatte immer lange Haare und keiner erfuhr, dass nicht sie es war, die das Haus wohnlich gestaltete und dekorierte. Das Haus, der Hund, zwei Kinder: „Das gehörte alles dazu“, sagt Cyndi. „Wir trafen eine Entscheidung, das so funktionieren zu lassen.“

Outing erst nach dem Tod der Eltern

Aber irgendwann ging es einfach nicht mehr. Er sei ein Kartenhaus gewesen, das einstürzen musste, sagt Brad Marler. Er sei depressiv geworden und habe sich in Therapie begeben. Doch noch immer war die Zeit nicht reif. Die beiden hatten sich verständigt, sich nicht zu Lebzeiten ihrer Eltern zu outen. Als er 16 gewesen sei, habe seine Mutter ihm gesagt, sollte er schwul sein, wäre das nicht in Ordnung, erinnert sich Brad. Das könne er der Familie nicht antun. „Wir haben nie wieder darüber gesprochen.“

Selbst als die eigene Tochter den Eltern sagte, dass sie lesbisch sei, hielten Cyndi und Brad mit ihrer eigenen sexuellen Orientierung weiter hinter dem Berg. Sie hätten das Gefühl gehabt, die Tochter so zu schützen, erklärt der Vater.

Noch bis zu diesem Jahr, ihrem 32. Ehejahr, lebten die Marlers zusammen. Erst jetzt, nachdem sie in Rente gingen und ihr Haus verkauften, starteten sie neu in getrennten Wohnungen in Chicago. Es sei wie eine zweite Jugend, sagt Brad Marler. „Es ist, als ob ich einen Filter abnehme und mich frage: ‚Was bin ich?‘“, erklärt seine Ehefrau.

Wenn auch kein Paar mehr, so sind die Marlers doch noch verheiratet. Pläne, sich scheiden zu lassen, haben sie derzeit nicht, und sie sehen sich weiter fast täglich. „Wir sind immer noch beste Freunde“, sagt Cindy. Und Brad ergänzt, die Beziehung habe nur gewonnen.