Emil Reisinger, Epidemiologe an der Universitätsmedizin Rostock hat selbst schon einmal die Triage durchführen müssen. dpa/Bernd Wüsteneck

Der Rostocker Epidemiologe Emil Reisinger hat als Arzt Anfang der 1990er-Jahre im Mittleren Osten Erfahrungen mit der sogenannten Triage gesammelt. „Die Zeit im Iran war für mich sehr prägend“, sagte Reisinger der Deutschen Presse-Agentur. Während des Irakkriegs habe er dort als Arzt in einem Flüchtlingslager gearbeitet. „Da haben wir 15.000 kurdische Flüchtlinge betreut.“ In dem Zeltlager sei es schnell zu einer Typhus- und Cholera-Epidemie gekommen. Im Infektionszelt des Feldlazaretts habe es 20 Betten gegeben. „Insofern konnten wir nicht alle behandeln.“ Der „Spiegel“ hatte über die Erfahrungen des Dekans der Universitätsmedizin Rostock (UMR) berichtet.

In Rostock wurde bereits ein Ethikrat gebildet, um auf die Triage vorbereitet zu sein

Triage bedeutet, dass Mediziner wegen knapper Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst und mit welchen Mitteln helfen. Menschen, die sie nicht hätten aufnehmen können, seien in ihren Zelten so gut es ging versorgt worden und hätten etwa keine Infusionen mit Flüssigkeit oder Antibiotika erhalten, erzählte Reisinger. Er geht davon aus, dass es infolge der unzureichenden Behandlung zu Todesfällen gekommen ist. Die Ärzte hätten damals vor allem nach dem Alter priorisiert. „Wenn wir Platz hatten, haben wir ältere Menschen auch aufgenommen. So hat man damals triagiert.“

Käme es etwa an der UMR im Zuge der Corona-Pandemie zu Triagen, würde man laut Reisinger anders vorgehen. Für heutige Leitlinien sei nicht unbedingt das Alter maßgeblich, sondern die individuelle Überlebenschance. An seinem Haus ist bereits vor Wochen ein Ethikrat gebildet worden. Der Rat soll die Mediziner auf mögliche Triagen gedanklich vorbereiten, aber nicht konkrete Entscheidungen treffen.

Ärzte nehmen Triage-Entscheidung als Rucksack nach Hause

Im konkreten Fall tauschten sich Ärzte aus, „so dass man diese Entscheidungen in der Regel nicht alleine trifft“, erklärte Reisinger. Bei aller Vorbereitung nähmen Ärzte ihre Entscheidungen als „Rucksack“ mit nach Hause. Auch für diese Nachbereitung diene der Ethikrat. Im Iran gab es damals nach Reisingers Aussage dafür kaum Zeit. „Da haben wir Tag und Nacht gearbeitet.“

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Zur aktuellen Lage an der UMR sagte Reisinger Anfang der Woche: „Wir sind vorbereitet darauf, aber bisher haben wir noch keine klassische Triage durchgeführt.“ Es gebe Priorisierungen. In verschiedenen Bereichen würden Patienten elektiv nicht mehr versorgt, sondern nur Notfälle. Dabei gehe es aber nicht darum, ob jemand eine Intensivbehandlung erhalte oder nicht. Dennoch: „Die Intensivstationen sind voll.“ Die Phase der Priorisierung sei die Phase vor der Triage.