Willi Eisele, bayerischer Gymnasiallehrer Foto: rbb/Ralf Ilgenfritz

Zwei Freunde aus Lübeck fuhren im Sommer 1988 nicht, wie die meisten Leute ihres Alters, an den Gardasee oder die Adria, sondern Richtung Osten, sie wollten nicht nur die Ostseeküste der DDR, sondern das gesamte Nachbarland bereisen. Aber sie konnten sich nicht einfach ins Auto setzen und losfahren, sondern mussten eine Reise buchen, Anträge ausfüllen, ein Visum beantragen, durften nur die teuren Intercamp-Zeltplätze und Interhotels nutzen und mussten Zwangsumtausch und Grenzkontrollen über sich ergehen lassen. Am Übergang Schlutup zeigte ihnen der DDR-Grenzer, wie die Rückbank umgelegt und das Reserverad ausgebaut wird – Materialkunde und Klischee.

Die vom RBB betreute Doku „Grüße aus der DDR – Reisen in den Sozialismus“ zeigt, in welch unauflöslichem, mitunter bizarrem Dilemma ein Staat steckte, der zwar gern die Devisen der Touristen aus dem Westen wollte, sogar in Fernsehshows um sie warb, der diesen Gästen gleichzeitig aber misstraute, ihnen nur wenige Kontakte zugestand und sie überwachen ließ. Dass DDR-Besucher nicht nur neugierig auf deutsche Baudenkmale waren, sondern auch auf die Menschen ihrer Sprache, schien die Verantwortlichen immer wieder zu überraschen.

Urlauber auf dem Campingplatz in Feldberg an der Mecklenburger Seenplatte.  Foto: dpa/Zentralbild

Ein Fotoalbum in den Stasi-Akten

Mit der selbstbewussten Präsentation sozialistischer Errungenschaften war es nicht weit her – es regierte die defensive Angst, die Westler könnten die DDR-Bürger infiltrieren. Autorin Martina Hiller von Gaertringen hat mit Hasso Spode einen Tourismusforscher als Experten vor die Kamera geholt, der die gesamte Entwicklung analysieren kann, angefangen 1972, als unter Honecker mehr Offenheit versprochen wurde und die DDR sich auf der ITB in Berlin präsentierte.

Dazu werden einige besondere Expeditionen ins Reiseland DDR rekapituliert. So organisierte ein Bach-Liebhaber aus der Schweiz regelmäßig Bustouren nach Leipzig zur Thomaskirche, knüpfte hier Kontakte zu Künstlern wie dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und wurde nicht nur von der Stasi, sondern auch vom Schweizer Geheimdienst überwacht. Ein Geschichtslehrer aus Bayern fuhr so häufig mit seinen Schulklassen nach Ostberlin, dass er schließlich am Grenzübergang Friedrichstraße nicht mehr eingelassen wurde und eine Kollegin die DDR-Expedition allein betreuen musste. Er findet in seinen Hunderte Seiten starken Stasi-Akten ein regelrechtes Fotoalbum seiner Reisen.

Ein Album von seinen Gästen bekam schließlich ein Ostberliner Reisebegleiter geschenkt, der die Gruppen auf vorgeschriebenen Routen führen musste und von den offenen Fragen seiner meist jungen Westbesucher so ins Grübeln kam, dass er tatsächlich einen Ausreiseantrag stellte. Die Autorin arrangiert ein Wiedersehen des Reiseführers mit seiner Besuchergruppe.

Am Ende war das Wetter zu schlecht

Diese Wiederbegegnungen und die vielen zeitgenössischen TV-Schnipsel aus Ost und West machen die Doku lebendig, die insgesamt aber etwas kleinteilig bleibt. Leider steht kein DDR-Funktionär oder Verantwortlicher vor der Kamera, der mal resümiert, wie viele touristische Besucher es überhaupt gab, ob die Reisen der Westbesucher überhaupt die erwarteten Ergebnisse gebracht haben und wie die unausweichlichen Konflikte zwischen staatlichen Tourismuswerbern und Überwachern ausgetragen wurden.

Die beiden Jugendfreunde aus Lübeck brachen ihre DDR-Rundreise übrigens nach drei Wochen ab – das gesamtdeutsche Wetter war im Sommer 1988 so mies, dass sie ihren Urlaub dann doch lieber am Gardasee ausklingen ließen.

Grüße aus der DDR – Reisen in den Sozialismus – Mo, 19.4., 23.35 Uhr , ARD