Die Regisseurin Haifaa Al Mansour im Regent Hotel in Berlin. Foto: Markus Wächter

Eigentlich müsste Haifaa Al Mansour müde sein, denn der Interviewtag in Berlin ist rappelvoll. Die saudi-arabische Regisseurin ist in der Stadt, um ihren Film „Die perfekte Kandidatin“ zu bewerben, der gerade im Kino angelaufen ist. Er erzählt die Geschichte einer jungen Ärztin, die im konservativen Saudi-Arabien für die Gemeindewahl kandidiert. Nach unserem Gespräch fährt Haifaa Al Mansour weiter zur Premiere nach Leipzig, dann nach Madrid und London.

Sie sind im Saudi-Arabien der 70er- und 80er-Jahre aufgewachsen. Mit elf Geschwistern. Wie war das Leben so?

Verrückt. In jedem Fall chaotisch. Ich bin in einem großen Haus aufgewachsen, es war dauernd was los. Ich erinnere mich an meinen Vater, der morgens seinen Kaffee einigermaßen friedlich trinken wollte. Das ging nicht immer so gut.

Sie haben in Ägypten und in Australien studiert, Ihr Vater war Dichter. Haben Ihre Eltern Sie stets in Ihren Vorhaben unterstützt?

Ich komme aus einer kleinen Stadt. Mittelklasse, aber meine Eltern haben kein Englisch gesprochen. In Saudi-Arabien aufzuwachsen, war für mich nicht einfach, die Gesellschaft war damals noch konservativer. Aber meiner Familie war die Verschleierung zum Beispiel gar nicht wichtig. Meine Mutter liebte das Singen, sie sang dauernd. All das ist ziemlich untypisch für die dortige Kultur und ich empfinde es als ein großes Privileg, so aufgewachsen zu sein. Ich bin sehr dankbar dafür. Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber mich nicht unbedingt dazu ermutigt, in die Kunst zu gehen. Sie wollten, dass ich Ärztin, Anwältin oder Professorin werde. Kunst sei brotlos, ich solle lieber Geld verdienen. Jetzt sind sie dennoch sehr stolz.

Und das, obwohl Ihr Vater selbst Dichter war?

Mein Vater war Anwalt. Die Lyrik war ein Hobby nebenbei. Meine Mutter wollte Mutter von Ärzten sein. Von den zwölf sind heute vier Ärzte. Bildung war ihnen sehr wichtig. Wir mussten immer nur Einser nach Hause bringen. Das war bei mir nicht immer der Fall.

Saudi-Arabien wird oft als Land beschrieben, das Kultur schmäht. Zwischen 1983 und 2018 gab es dort überhaupt kein Kino. Wie haben Sie Ihre Liebe zum Film entwickelt?  

Unser Vater hat regelmäßig VHS-Kassetten für uns Kinder ausgeliehen. Das war kein Art-House-Kino, sondern Mainstream. Aber die Filme haben mir das Gefühl gegeben, dass ich nicht bloß Teil des kleinen Ortes war, aus dem ich kam, sondern einer größeren Welt zugehörig. Ich habe aber nie geplant, Filmemacherin zu werden. Als ich mit der Uni fertig war und als junge Frau in Saudi-Arabien zu arbeiten begann, fühlte ich mich unsichtbar. Am Anfang habe ich dann meine Kurzfilme als eine Art Therapie gemacht, um mir Ausdruck zu verschaffen.

Sie leben nun in Kalifornien. Fahren Sie oft in Ihre Heimat?

Nicht oft genug. Mein Mann ist Amerikaner und Diplomat. Wir waren auf der ganzen Welt unterwegs, nun sind wir dort.

Sie sind die erste sichtbare saudi-arabische Regisseurin. Sehen Sie sich als Vorbild für junge Künstlerinnen von dort?

Ich sehe mich nicht als weibliches Vorbild, denn ich glaube nicht, so perfekt zu sein. Aber meiner Meinung nach ist es sehr wichtig, dass Menschen ihrer Leidenschaft nachgehen. Als ich angefangen habe, Filme zu machen, hat man sich über mich lustig gemacht und mich in Zeitungen lächerlich gemacht. Nach dem Motto: Wen jucken schon Filme? In Saudi-Arabien wird es niemals Filme geben! Aber das hat mich nicht aufgehalten. Ich habe weitergemacht, weil es mich glücklich gemacht hat.

Ihre Protagonistin in „Die perfekte Kandidatin“ ist eine Ärztin, die sich in ihrem Arbeitsalltag immer noch sehr stark behaupten muss, weil sie eine Frau ist. Inwieweit sind die Hürden und Schwierigkeiten, denen sie begegnet, aus Ihrem eigenen Leben gezogen?

Es ist schon sehr ähnlich. Frauen in Führungspositionen sind in konservativen Gesellschaften immer herausgefordert. Meine Schwester ist Ärztin und hat jeden Tag damit zu kämpfen, zum Beispiel wenn Patienten ihrer Diagnose nicht vertrauen. Solche Dinge gibt es vielerlei. Aber mittlerweile arbeiten mehr Frauen in diesen Berufen und zeigen, was sie können. Auf diese Weise lassen die Vorurteile nach.

Eine Szene ist mir im Gedächtnis geblieben. Als die Hauptfigur Maryam zur Gemeindewahl antritt, dreht sie ein Wahlvideo für ihre Kampagne, in dem sie einen Nikab anzieht, unter dem man sie überhaupt nicht sieht. Die Ironie ist eindrucksvoll. Man wüsste nicht, wen man wählt. Sie versucht, sichtbar zu werden, bleibt dabei aber unsichtbar.

Absolut. Im Moment ist jedoch vieles in Bewegung. Viele junge saudi-arabische Frauen fragen sich, was es heißt, unabhängig zu sein, was es bedeutet, von Traditionen abzuweichen, und welches Stigma damit einhergehen würde. Das Land bleibt ein Ort, an dem Frauen immer noch unsicher und nervös sind. Diese Spannungen sind aber normal, wenn sich Dinge verändern.

Ihr Debütfilm „Das Mädchen Wadjda“ war der erste Film, der komplett in Saudi-Arabien gedreht wurde. „Die perfekte Kandidatin“ wurde ebenso dort gefilmt. Wie hat man sich die Dreharbeiten vorzustellen?

Im Gegensatz zum ersten Film hatten wir Drehgenehmigungen, das hat die Sache erleichtert. Wenn jemand kam und versuchte, uns aufzuhalten, haben wir die Polizei gerufen, die dann unsere Papiere überprüft und die Leute wegeschickt hat. Gleichzeitig war es eine größere Produktion als „Wadjda“ und wir haben diese Infrastruktur nicht. Es war durchaus hart und zeitaufwendig.

Kann man Ihre Filme denn dort auf der Leinwand sehen?

Für die Oscar-Nominierung wurde der Film eine Woche lang gezeigt, er war Saudi-Arabiens Beitrag. Bald wird er auch auf einem Festival in Djeddah zu sehen sein.

Wie reagieren die Menschen?

Gemischt. Konservative schütteln den Kopf, jüngere, progressivere Menschen gehen mit der Botschaft mit. Generell verstehen die Leute, dass ich fortschrittlich drauf bin und dass meine Filme sich mit Frauen und deren Ermächtigung beschäftigen. Und sie respektieren es, weil ich nicht konfrontativ bin. Ich streite mich nicht mit den Leuten, sondern ich versuche, sie für mich zu gewinnen, indem ich Filme mit Herz mache. Damit alle sie genießen können und sie nicht als Bedrohung von Werten wahrgenommen werden.

Eine andere Strategie also.

Genau.

Ihre Filme beschäftigen sich allesamt mit Frauen: „Das Mädchen Wadjda“, „Mary Shelley“, jetzt „Die perfekte Kandidatin“. Hat sich das einfach so ergeben?

Ich habe einen sehr schlechten Kurzfilm gedreht, in dem Männer sich gegenseitig in der Wüste bekämpfen. Da habe ich mich gefragt: Was mache ich eigentlich hier? Repräsentation ist mir schon sehr wichtig. Wir identifizieren uns oft mit dem männlichen Held, nicht mit der Heldin. Obwohl dieser Film feministisch ist und über die weibliche Erfahrung erzählt, geht es eigentlich um eine menschliche Erfahrung – aus einer weiblichen Perspektive.

In Ihrer Heimat dürfen Frauen erst seit 2018 Auto fahren, seit August letzten Jahres ist das Vormundschaftsgesetz des Mannes über die Frau entspannt worden. Hat Sie das überrascht?

Nein. Das Tempo der Veränderung ist rasant. In Saudi-Arabien wurde sehr lange darüber debattiert, ob man Kino nun erlauben sollte oder nicht. Irgendwann haben wir Intellektuellen im Land geglaubt, dass die Debatte nur in der Zeitung stattfindet, dass Frauen weder Auto fahren noch dass wir je Filme sehen werden. Dass dieser Stillstand, diese Zeitkapsel, ewig dauern wird. Aber dem war nicht so.

Die Veränderungen scheinen aber immer von oben zu kommen, nicht aus der Bevölkerung.

Saudi-Arabien war sehr lange sehr verschlossen. Es gab weder Kinos noch Musik oder Entertainment. Doch junge Menschen sehen jetzt online, wie der Rest der Welt lebt. Insofern gab es einen Bedarf nach Veränderung. Ich glaube nicht, dass es nur von oben kommt. Die Gesellschaft war reif dafür.

Letztes Jahr gab es eine Ausstellung  mit islamischer Frauenkleidung im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Sie erntete Kritik, weil sie Abayas und Kopftücher als reine Modeerscheinung feierte, ohne zu reflektieren, dass es Frauen auf der Welt gibt, die keine Wahl haben und Bedeckungen tragen müssen. Im Westen hat man manchmal den Eindruck, dass das Tragen eines Kopftuchs oder einer Abaya zur größten Freiheit erhoben wird. Was sagen Sie dazu? Und was wünschen Sie sich perspektivisch für Ihr Heimatland, wenn es um weibliche Bekleidung geht?

Nein, das anzuziehen ist nicht die allergrößte Freiheit. Ich glaube, ich hätte eine ähnlich kritische Reaktion gehabt. Der Schleier objektiviert Frauen und macht sie dem Islam zugehörig. Wir müssen ihn tragen, weil wir Muslimas sind, nicht, weil wir ihn brauchen. Von klein auf wird muslimischen Frauen mitgegeben, dass ihr Körper so etwas wie eine Süßigkeit ist, die man bedecken muss, damit nicht lauter Fliegen drankommen. Das ist so schädlich für die Psychologie. Wir brauchen Akademikerinnen, die den Schleier neu betrachten und interpretieren. Diese Reform ist dringend notwendig. Ich bin manchmal echt genervt, wenn ich große Sportmarken sehe, die den Schleier feiern, ohne wirklich zu verstehen, was er für muslimische Frauen bedeutet. Meine Mutter trug früher eine helle Abaya mit passendem Schleier. Das war damals eher kulturell, man sah Haar und trug Make-up dazu. Ich würde mir für Saudi-Arabien wünschen, dass man zu diesen kulturellen Wurzeln zurückkehrt, die weniger religiös sind. Dass die Abaya dort so etwas wie das Dirndl in Bayern wird.