Aus diesem Haus im Vogesen-Dorf Les Polières wurde Mia entführt. Foto: AP/Jean-Francois Badias

Eine verlassene Fabrik in einer kleinen Schweizer Berggemeinde schien das perfekte Versteck für eine junge Mutter und ihre achtjährige Tochter Mia. Lola M. hatte das Sorgerecht für Mia verloren, weil die Behörden ihrer französischen Heimat sie für labil hielten. Doch bei den rechtsextremen Verschwörungserzählern von „QAnon“ fand Lola M. ihren Glauben bestätigt, die Sozialarbeiter seien Teil eines Kindesentführer-Ringes. Deshalb ließ sie selbst das Kind entführen - das gilt als das erste Verbrechen, das im Namen der in den USA entstandenen QAnon-Verschwörungstheorie in Europa begangen wurde, und das sich darstellt wie ein hochkomplexer Krimi.

Mia und ihre Mutter Lola, die sie entführen ließ, weil sie das Sorgerecht verloren hatte. Innenministerium Frankreich

Der Einfluss von QAnon, weltweit bekannt geworden beim Sturm aufs Kapitol in Washington im Januar, erstreckt sich inzwischen auf 85 Länder: Die irre Behauptung, es gebe einen Staat im Staate, der unter anderem Kindesentführungen anweise, hat es über die Grenzen geschafft. Und seit der Pandemie auch die Rhetorik der Impfgegner. Die europäische Polizeibehörde Europol hat QAnon im Juni auf ihre Liste der Bedrohungen gesetzt.

„Wenn jemand versucht, sein Kind wiederzubekommen, und sagt, er glaubt an diese Verschwörung, gibt es mit QAnon jetzt ein Netzwerk an Unterstützern“, sagt Mia Bloom, die für ihr Buch über QAnon Kindesentführungen dokumentiert hat.  

In Frankreich brach QAnon in die Welt von Lola M. ein. Sie sah ihre Regierung als illegitim an und sich selbst den Gesetzen nicht mehr verpflichtet, ähnlich wie in Deutschland die Reichsbürger. M.  verkündete, sie werde all ihre Möbel verkaufen und mit ihrer Tochter untertauchen. Seit Monaten verlor sie immer mehr Gewicht und stritt so heftig mit ihrem Freund, dass ihre Familie um Mia fürchtete. Wenig später verlor Lola M. das Sorgerecht an ihre eigene Mutter.

Etwa zu dieser Zeit begann der Name Rémy Daillet-Wiedemann in französischen QAnon-Chats auf Telegram aufzutauchen. Der frühere erfolglose Politiker hielt sich im selbstgewählten Exil in Malaysia auf und fand nun wieder Gehör für seine früheren obskuren Aufrufe, Frankreichs Regierung abzusetzen, sich der „medizinischen Diktatur“ der Corona-Maßnahmen zu widersetzen und Kinder vor Pädophilen mit Verbindung zur Regierung zu schützen.

Je mehr Daillet-Wiedemanns Behauptungen mit jenen von QAnon übereinstimmten, desto größer war sein Publikum. Im Frühjahr begannen Frankreichs Anti-Terror-Ermittler damit, eine Gruppe seiner Unterstützer zu beobachten. Etwa zur gleichen Zeit riet einer von M.'s Telegram-Kontakten, sie solle mit ihren Sorgerechtsproblemen auf Daillet-Wiedemann zugehen.

Rémy Daillet-Wiedemann vor Gericht in Nancy. Der Möchtegern-Präsident soll die Entführung Mias organisiert haben.  Foto: AP/Jean-Francois Badia

Dieser habe ein Netzwerk mit einigen Hundert Unterstützern und einem sehr viel kleineren „harten Kern“ gehabt, sagt der zuständige Staatsanwalt in Nancy, François Pérain. Daillet-Wiedemann habe einen seiner Anhänger aufgefordert, einen Plan für Mia und ein weiteres Kind zu entwerfen, und 3000 Euro für Reisekosten und Ausstattung geschickt, sagt Pérain.

Fünf Männer im Alter von 23 bis 60 Jahren kamen so für die „Operation Lima“ zusammen. Ein sechster Unterstützer, ein früherer Offizier, fälschte Regierungspapiere. Am 13. April fuhr dann ein grauer Van in dem kleinen Ort Les Poulières vor.

Zwei Männer hielten Mias Großmutter offiziell aussehende Papiere unter die Nase und behaupteten, das Mädchen kurz über ihr Wohlergehen befragen zu wollen. Die Großmutter stimmte zu, und als sie ihren Fehler bemerkte, war Mia schon auf dem Weg ins Nachbardorf. Dort wartete ihre Mutter mit den anderen Männern. Sie fuhren bis an die Schweizer Grenze und wanderten dann stundenlang durch den Wald in Richtung Osten, wobei sie Mia abwechselnd trugen.

In der Schweiz angekommen, trafen sie auf ein weiteres Mitglied des Netzwerks. Am 15. April wurden Mutter und Tochter in die stillgelegte Fabrik gebracht. Es gab keinen Strom, kein fließendes Wasser und keine Betten.

Drei Nächte dauerte es, bis die Anti-Terror-Ermittler die beiden fanden, sie hatten den Weg des Lieferwagens und seiner Besatzung nachvollziehen können. Die Mutter kam wegen Entführung in Untersuchungshaft, Mia kehrte zu ihrer Großmutter zurück.

Die meisten Entführer konnten in Frankreich gefasst werden. Keiner von ihnen stritt ab, an der Entführung beteiligt gewesen zu sein, vielmehr waren sie überzeugt, es habe sich eigentlich um die Rückgabe des Kindes gehandelt. „Aus Verschwörungserzählungen wurden sehr konkrete Taten, und jene, die daran beteiligt waren, haben nicht unbedingt begriffen, dass sie auf der falschen Seite des Gesetzes stehen“, sagt Staatsanwalt Pérain.

Daillet-Wiedemann sitzt inzwischen ebenfalls in Haft, nachdem Malaysia ihn im Mai ausgewiesen hatte. Ihm wird die organisierte Entführung eines Kindes vorgeworfen.

Am ersten Verhandlungstag erklärte Daillet-Wiedemann, er sei Präsidentschaftskandidat.
Lola M. kam am Montag frei. Ihre Familie und ihr Anwalt hatten darauf beharrt, dass sie für ihre Tochter keine Gefahr mehr darstelle.