Menschen vermissen, so zeigte die Corona-Krise, am meisten die Nähe zu anderen.  Imago Images

Martina Leibovici-Mühlberger ist Psychotherapeutin, Ärztin und Politikberaterin. Die Corona-Krise sieht sie als Gefahr, aber auch als Chance, eine sozialere Gesellschaft zu werden. Sie sorgen allerdings Menschen mit auffallend autoritärem Verhalten, die keine andere Meinung mehr zulassen.

Martina Leibovici-Mühlberger erlebte ihr Endzeit-Gefühl im März, als sie ihr Altwiener Innenstadthaus verließ. Alles war wie sonst, aber andererseits auch nicht. Die, die ihr entgegenkamen, wechselten die Straßenseite, es gab kein Hallo, kein Busserl. Eisig kalt war es an jenem Tag, und ihr fröstelte es außerdem bei dem Gedanken, was dieses Virus aus den Menschen macht.

Sie spürte die Katastrophe, die sie bisher nur aus Filmen kannte. „Im Schaufenster des Reisebüros ein paar Meter neben meinem Hauseingang lief ein Fernseher auf Dauerschleife. Ein Werbefilm für Kreuzfahrten wechselte sich mit farbenprächtigen Bildern anderer tropischer Reiseziele und einem Familienhotel an der italienischen Adriaküste ab. Ein Angebot für kulinarisch Interessierte versprach in einer Rundreise auch den Besuch der Kulturschätze der Lombardei.“ Auf einem Plakat in dem Reisebüro lag bereits eine feine Staubschicht.

Therapeutin, Ärztin und Politikberaterin: Martina Leibovici-Mühlberger. Lucas Beck

Als die Familientherapeutin nach drei Stunden wieder heimkam, ließ sie das nicht mehr los. Unfreiwillig waren plötzlich alle Menschen zu Probanden eines Virus geworden und in die Isolation geschickt worden. Das war der Moment, als Martina Leibovici-Mühlberger sich fragte, wo die Menschlichkeit bleibt und was wir jetzt unternehmen müssen, damit die Zivilisation nicht gegen die Wand fährt.

Sie setzte sich hin und schrieb ein Buch.

Wir stehen an einer Weggabelung, an der es um nicht weniger als um die radikale Neudefinition von Normalität geht. 

Martina Leibovici-Mühlberger 

Wir erreichen die Autorin an einem Vormittag. Inzwischen hat sich vieles wieder gelockert, auch in ihrem Leben. Sie lächelt: „Zurzeit ist die Urlaubsplanung das Größte. Das beschäftigt viele. Die Krise wird verleugnet.“

Ein normaler Mechanismus, oder? „Ja, das stimmt“, sagt sie: „Doch schauen wir mal, was noch kommt.“ Für sie ist es noch nicht vorbei, sie rechnet mit weiteren Wellen. Fragt sich, ob wir demnächst nur noch unter Plastikplanen sitzen, um uns vor einem weiter mutierten Corona-Virus zu schützen.  „Wenn wir Pech haben, heißt es in 100 Jahren, 2020 war der Ausbruch des Pandemie-Zeitalters.“ Zu dem kontaktlosen Zahlen kam der kontaktlose Mensch. „Das werden wir nicht verkraften, der Mensch ist ein soziales Wesen“, sagt sie.

Daher ist für sie jetzt der Zeitpunkt gekommen, das Ruder herumzureißen.

Seit Wochen führt die Österreicherin zahlreiche Gespräche. Mit Patienten, Freunden und Verwandten. Sie saß in Expertenrunden und warb für ihr Buch „Startklar – Aufbruch in die Welt nach COVID-19“. Sie mahnte überall: „Wir stehen an einer Weggabelung, an der es um nicht weniger als um die radikale Neudefinition von Normalität geht. Die Krise kann den Kontrollstaat bringen, sie ist aber auch eine Chance, als Gesellschaft zu wachsen und zu reifen.“ Einer ihrer dringendsten Appelle ist dieser: „Wir entscheiden jetzt, in welche Richtung wir gehen.“

Vieles überraschte sie. Bei manchen schwer psychisch kranken Patienten stellte sie fest, dass diese sich plötzlich bestens aufgehoben und sich eins mit dem Rest der Gesellschaften fühlten – weil es den anderen nun wie ihnen ergeht, und sie nicht mehr alleine am Rande stehen.

Sie sah auch, wie gesunde Menschen am Rad drehten – aus der gewohnten Betriebsamkeit geschmissen. Viele verfielen in eine Depression bis hin zu suizidalen Gedanken und schrieben Martina Leibovici-Mühlberger verzweifelte Mails oder Briefe.

Mancherort ertönte der Ruf nach einem „starken Mann “

Und sie nahm wahr, wie sich Menschen in solchen Zeitwenden plötzlich ändern und autoritäre, keine Widerworte duldende Charakterzüge zutage kamen. Männer und Frauen, die als Türsteher vor Supermärkten unfreundlich über den Einlass der Kunden entscheiden. Andere, die Mitmenschen übelst angehen, weil diese ihren Mundschutz nicht tragen. Und diese ewige Suche nach einem Schuldigen, das bei vielen in Verschwörungsmythen gipfelt. „Der Umgangston wird immer schroffer, und es gibt einen Bösen, der gehört lokalisiert, gejagt und vernichtet. Die Unterscheidung zwischen richtig und falsch ist oft nicht mehr diskutierbar.“

Mancherorts ertönte sogar der Ruf nach einem „starken Mann“. Das erschreckt sie. „In Teilen der Welt wurde dieser Wunsch auch erhört und in rückwärtsgewandte Reformbewegungen mit autokratischen Führungsfiguren übersetzt. Und die scheinbar stabilen Demokratien suchten Halt in einer neurotischen Überregulierung, die die Illusion von persönlicher Freiheit durch absurde Regelwerke, Verordnungen und Gesetzeskonvolute konterkarierte.“

Für dieses demokratische Leben ist lange gekämpft worden, und das muss wieder mehr wertgeschätzt werden.

Martina Leibovici-Mühlberger 

Für sie fühlt es sich mitunter ein wenig an, wie man es von Zeitzeugen aus den 30er-Jahren liest. Der Ruf nach Ordnung und Klarheit – diesmal wegen einer unsichtbaren Gefahr in Form eines Virus. „Es macht mich wirklich betroffen. Ich habe in den letzten zehn Jahren keine ähnlichen Situationen erlebt wie zurzeit. Ich höre den Blockwart schon trapsen.“ Die Gelegenheit für jene Kräfte, die Kontrolle über die Gesellschaft ausüben wollen, sei noch nie so günstig wie jetzt gewesen. Aus Angst vor dem unsichtbaren Feind einer neuen Pandemie seien viele Menschen bereit, die in 170 Jahren europäischer Geschichte erworbenen Bürgerrechte aufzugeben. Handy-Apps, die jede Bewegung nachverfolgen und Gesetze, die einen verfassungswidrigen aber gesellschaftlich tolerierten Freiheitsentzug ermöglichen, seien auch als Vorboten einer Entwicklung zu sehen, die eine demokratische Gesellschaft in ihrem eigenen Interesse verhindern muss.

Sie wolle nicht in ein politisches Klima kommen, wo Macht statt Stärke regiert. „Wir müssen sehr wachsam sein. Es muss legitim sein, dass man eine Meinung haben darf. Für dieses demokratische Leben ist lange gekämpft worden, und das muss wieder mehr wertgeschätzt werden.“ Sie wolle nicht in einem Staat leben, in dem alles vorgegeben ist – vor allem, wie man zu denken hat.

Sie stellt die Frage in den Raum: „Worauf setzen wir: Auf Angst und Misstrauen? Dann werden wir in einem Kontrollsystem landen, wir werden einander belauern, haben einen Chip, der alle biometrischen Daten liefert und noch mehr. Wir degenerieren dann zu einer Masse Mensch, die keinen eigenen Willen mehr haben soll.“ Und das ersticke jegliche Kreativität und Ideen.

In ihrem Buch schreibt sie, Corona habe uns gezeigt, dass unser System durch seine Komplexität an einer Virus-Pandemie kollabieren kann. Und wie anfällig global vernetzte Systeme und Produktionsketten sind.

Die COVID-19-Krise könnte die Auftaktveranstaltung für die gelebte Utopie eines Goldenen Zeitalters werden.

Martina Leibovici-Mühlberger

Die Kabelbäume aus China fehlen, die riesigen Lederhäute aus Italien können nicht hergestellt werden, die entsprechenden Sitzbezüge in Rumänien daraus nicht genäht werden, verschiedene weitere Zulieferindustrien aus Polen und Frankreich haben ebenfalls ihre Pforten geschlossen, und BMW muss nicht als einzige deutsche Automarke ihre Produktionsbänder für Wochen stoppen.

Für sie ist klar, dass man daraus die Lehre ziehen sollte, sich mehr auf lokale Produktion zu konzentrieren.

Und sie sagt, dass die COVID-19-Krise zwar als medizinische Katastrophe in Erscheinung trete, es sich tatsächlich aber um eine ideelle Krise handele, „die wir selbst verschuldet haben.“ Eben wegen dieser Lebensweise – „unserem Streben nach grenzenlosem Wirtschaftswachstum und endlosem Konsum, mit der rapiden Erhöhung der Geschwindigkeit in allen Lebensbereichen und dem dadurch erhöhten, immunschwächenden Stressniveau.“ All das biete den perfekten Nährboden, und ab einem gewissen Punkt bringe das die Steigerungsgesellschaft um.

„Ich glaube, wir sind verpflichtet, aus dieser Krise Lehren und das Maximum an Erkenntnis zu ziehen“, sagt sie. „Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter. Die COVID-19-Krise könnte die Auftaktveranstaltung für die gelebte Utopie eines Goldenen Zeitalters werden. Wir müssen nur die Zeichen richtig deuten und entsprechend handeln.“

Chancen sieht sie viele: In der Bildung, in einem Basiseinkommen für die Weltbevölkerung, das Migration und Flucht eindämmen würde sowie in einer Umverteilung von Reichtum. Für sie geht es darum, eine Kurskorrektur „mit diesem Öltanker unserer Zivilisation durchzuführen, soll er nicht an einem nahenden Riff zerschellen. Dies geht nur gemeinsam, nur wenn wir unsere Zusammengehörigkeit spüren und aufeinander achten.“

Gemeinsam zusammenhalten, statt einsam Angst zu haben.

Sie nennt es eine humanistische Werterevolution. „Die Menschheit muss sich dafür wieder auf jenes Faktum besinnen, das sie trotz ihrer mangelnden körperlichen Kampfkraft an die Spitze der Nahrungskette katapultiert hat: auf den sozialen Zusammenhalt. Und daher muss sich der Mensch vom Homo sapiens bestialis zum Homo sapiens socialis entwickeln“, so die Autorin, die weiß, dass das recht romantisch klingt. Doch sie glaubt daran. Die soziale Ader stecke in vielen Menschen, das hätten unzählige Akte der Solidarität und Nächstenliebe während der Krise bewiesen. „Dieses Wissen um die soziale Wichtigkeit, die wir füreinander haben, und den Zusammenhalt, den viele Menschen während der Krise vorgelebt haben und weiter vorleben, müssen wir in die Zeit nach der Krise mitnehmen.“

Es gehe darum, gemeinsam zusammenzuhalten, statt einsam Angst zu haben. „Das muss uns unsere Zivilisation, das müssen wir uns selbst wert sein.“

Autorin und Ärztin

Prof. Dr. Martina Leibovici-Mühlberger ist die Autorin mehrerer Sachbücher zu verschiedenen Themen wie Kindererziehung und Gesundheit. Ihr jüngstes Buch heißt „Startklar“ (edition a, 18 Euro). Sie ist Gynäkologin, Psychotherapeutin und Ärztin für Psychosomatik, außerdem Gründerin der ARGE Erziehungsberatungs- und Fortbildungs-GmbH.