Wenige Autos sind auf der Straße des 17. Juni unterwegs. Deutschland und damit auch Berlin befinden sich im Lockdown. Foto: dpa/Paul Zinken

Eigentlich müssten wir das doch alles kennen. Bereits im März hatten wir wegen der Corona-Pandemie einen harten Lockdown. Doch irgendwie fühlt sich das alles anders an – und auch die Disziplin bei der Einhaltung der Regeln scheint zu schwinden. Doch warum ist das so? Der Psychologe Stephan Grünewald sieht dafür mehrere Gründe. Die Angst vor einer Erkrankung scheint zu schrumpfen, zudem fehlen aktuell die Erfolgserlebnisse durch die Einschränkungen. Und auch die als intransparent und inkonsistent erlebten Regeln trügen ihren Teil dazu bei, dass sich die Menschen derzeit anders verhielten als im ersten Lockdown im Frühjahr. Diese Ergebnisse gingen aus einer tiefenpsychologischen Untersuchung seines Rheingold-Instituts hervor.

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„Bei den Menschen hat sich mittlerweile eine Corona-Routine eingespielt“, erläuterte Grünewald, der auch durch Bücher wie „Wie tickt Deutschland?“ Bekanntheit erlangt hat. Im Frühjahr hätten viele unter dem Eindruck der schrecklichen Bilder aus Bergamo in Italien gestanden. Die damalige Situation sei als „abenteuerliche Ausnahmesituation“ erlebt worden, die Ängste heraufbeschworen habe. Heute dagegen sei Corona für viele Teil ihrer Alltagswirklichkeit geworden.

Unterschiede ließen sich zum Beispiel im Einkaufsverhalten beobachten: Sei man im Frühjahr bemüht gewesen, möglichst alles in einem wöchentlichen Großeinkauf zu erledigen, so sei jetzt der tägliche Einkauf vielfach das soziale oder sinnliche Highlight des Tages. Möglichen Ausgangssperren sehe man daher äußerst besorgt entgegen.

Stephan Grünewald ist Leiter des Rheingold Instituts. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Nach der langen Zeit im Lockdown äußerten auch Bürger aller Altersgruppen zunehmend das Gefühl, „dass ihnen das Leben durch die Finger rinnt, sie unwiederbringlich ihre Jugend oder die Freuden des Alters verpassen“, so Grünewald. Als zunehmend zermürbend erlebten es die Menschen, dass ihre Opfer scheinbar nicht von Erfolg gekrönt seien, da die Infektionszahl hoch bleibe.

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„Während im letzten Frühjahr die Zahlen sehr schnell runtergingen und zunehmend das Wetter besser wurde – was wie eine himmlische Belobigung erlebt wurde – wähnen sich die Menschen jetzt in einer Endlos-Dauerschleife, in der die guten Nachrichten wie der Impfstart sogleich wieder durch die Hiobsbotschaften von Virus-Mutationen überschattet werden“, erläuterte Grünewald. Das schüre eine resignative Stimmung.