Polizisten verhaften einen Demonstranten. Foto: Imago/David Crane

Mit ein bisschen schwarzem Corona-Humor könnte man es als tragische Ironie sehen. Alle Restaurants in Los Angeles sind zu und dann wird man eingeladen, im Haus eines Freundes mit „Entrecote Jägerschnitzel Style“ von Österreichs Star-Koch Bernhard Mairinger bewirtet zu werden. Beim Aperitif heult das Handy mit dem für Notfälle programmierten Alarm-Ton auf. Auf dem Display erscheint „Sperrstunde für die ganze Stadt Los Angeles von 20 Uhr bis 5.30 Uhr morgens“. Die Uhr zeigt 19.15 und es bleibt keine Wahl: Ab ins Auto und vom verpassten kulinarischen Event in einer Vorort-Idylle zurück ins heimische Hollywood. Begleitet von den Sirenen aus allen Richtungen heranrasender Polizeiautos.

KURIER-Korrespondent Dierk Sindermann berichtet aus Hollywood Foto: BK

Was wollen die hier? Demonstrationen sind doch in der Innenstadt von Los Angeles gelaufen. Ja, aber sie haben sich in Windeseile ausgebreitet. Daher die plötzliche Sperrstunde. Plünderer sind ins durch „Pretty Woman“ berühmte Beverly Wilshire Hotel eingedrungen. Bei Gucci auf dem Rodeo Drive von Beverly Hills, dem teuersten Shopping-Pflaster der Welt, bedienen sich viral-maskierte Protest-Piraten. Auch hier ein ironischer Bezug zu Corona: Die Edel-Boutique hatte sich während der Schließung mit Brettern vernagelt und erst am Samstag neues Inventar für die Wiedereröffnung am Sonntag ausgelegt.

Und die kriminelle Action kommt näher an meinen Wohnsitz. TV-Crews halten vom Hubschrauber ihre Kameras auf den entfernten Boutique-Block von Fairfax Avenue und Melrose Boulevard, ein traditionell jüdisches Viertel, das jetzt mit Popup-Boutiquen die Hip-Jugend anzieht. Die Szenen sind schockierend. Wo jeden Tag Schlangen darauf warten, um sündteure Exemplare aus Kanye Wests Sneaker-Kollektion zu ergattern, schleppt eine Horde von Plünderern - aller Hautfarben und einige ohne Gesichtsmaske eindeutig identifizierbar – ungeniert seine Beute ab. Eine junge Frau lädt eine Einkaufstüte vom „Adidas Superstore“ in einen vorfahrenden Audi S5 Fastback.

Luftlinie 3 Kilometer entfernt bin ich der letzte Bewohner, der noch selbst die Tür zum Gebäude öffnen kann. Dann wird alles verriegelt. Meine 90-jährige Nachbarin Beverly Shae empfiehlt: „Wir sollten Wachpersonal anheuern.“ Sie erinnert sich an die fast auf den Tag genau 30 Jahre zurückliegenden Rodney King-Aufstände: „Damals saßen hier bei uns in der Lobby drei mit Gewehren bewaffnete Bodyguards.“