Inger Nilsson 1968 in der Rolle der Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf - mit Affe Herr Nilsson. Foto: Pressensbild/epa Scanpix Sweden/dpa

Die wohl größte Erfolgsgeschichte der Weltliteratur für Kinder begann am Bett eines siebenjährigen schwedischen Mädchens. „Pippi Langstrumpf wurde in dem Moment geboren, als ich zu meiner Mutter sagte: Bitte erzähl' mir mehr Geschichten“, erinnert sich Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman. Sie habe damals krank im Bett gelegen und gewollt, dass ihre Mutter sie weiter unterhalte. Fast schon verzweifelt habe Lindgren darauf gefragt, was sie ihr denn noch erzählen könne, sagt Nyman. „Und da habe ich gesagt: Hmm, erzähl' mir von Pippi Langstrumpf! Es war bloß ein Name, der mir in den Sinn gekommen ist.“ Aus dieser juxen Idee ist eine der bekanntesten Kinderbuchfiguren des Planeten geworden.

Astrid Lindgrens Bücher über die Abenteuer des stärksten Mädchens der Welt sind in 77 Sprachen übersetzt worden, knapp 66 Millionen Exemplare wurden weltweit verkauft, darunter rund 8,6 Millionen allein in Deutschland. Millionen von Kindern haben sich von Pippis wilden Geschichten begeistern lassen, sei es in Lindgrens Werken oder den ebenso berühmt gewordenen Pippi-Filmen mit Inger Nilsson in der Hauptrolle. Ganz besonders in Deutschland hat Pippi Langstrumpf Generationen von Kindern geprägt wie kaum eine zweite. Und Pippi ist bis heute Vorbild für Heranwachsende in aller Welt, hat aber auch den Feminismus und den Respekt vor Kindern herangebracht.

All das war am zehnten Geburtstag von Karin Nyman noch undenkbar. Damals, am 21. Mai 1944, erhielt sie von ihrer Mutter ein ganz besonderes Geschenk. „Ich habe das Manuskript von Pippi Langstrumpf bekommen, als ich zehn Jahre alt geworden bin“, sagt Nyman. Ein Jahr später, im Jahr 1945, kam „Pippi Långstrump“ in der schwedischen Erstausgabe in den Handel - das ist der Grund, warum in diesem Jahr offiziell der 75-jährige Geburtstag von Pippi Langstrumpf gefeiert wird. Wobei der Großteil der Jubiläumsveranstaltungen, wegen der Corona-Pandemie ausfallen muss oder auf Eis liegt.

Astrid Lindgrens Tochter Karin Nyman mit ihrem Sohn Olle. Sie bekam das „Pippi Langstrumpf“- Manuskript von ihrer Mutter zu ihrem 10. Geburtstag. Foto: Privat/Olle Nyman/dpa

Das erste deutsche Pippi Langstrumpf-Buch kam 1949 in den Handel

Schon im ersten Buch, das im Herbst 1949 für 2,80 Mark in den deutschen Handel kam, lernt der Leser eine bis dahin völlig untypische und bis heute unerreichte Kinderbuchfigur kennen: Die rothaarige und sommersprossige Pippi Langstrumpf lebt am Rande einer namenlosen Kleinstadt in einem großen Haus, der Villa Kunterbunt, die sie sich mit ihrem Äffchen Herr Nilsson und einem Schimmel auf der Veranda teilt. Die Nachbarskinder Tommy und Annika werden schnell zu ihren Freunden, die Pippi mit ihren verrückten Einfällen und ihrem losen Mundwerk auf unglaubliche Abenteuer mitnimmt - ebenso wie in den kommenden Jahrzehnten Millionen Kinder weltweit.

Das wohl erste Kind, das Pippi Langstrumpf auf Deutsch lesen durfte, war Silke Weitendorf. Ihr Stiefvater, der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger, hatte Pippi Langstrumpf einst nach einem Besuch bei Astrid Lindgren in Stockholm nach Deutschland geholt, ihre Mutter ihr schließlich das Manuskript mit nach Hause gebracht. Besonders die unzähligen kreativen Einfälle von Pippi Langstrumpf gefallen ihr bis heute, wie die 79-Jährige sagt - sei es der Versuch, beim Spielen mit Tommy und Annika nicht den Boden zu berühren oder die unter die Füße geschnallten Bürsten beim Saubermachen in der Villa Kunterbunt. „Dieses freiheitliche Denken der Pippi Langstrumpf, die Schlagfertigkeit, der Witz - der doppelbödige Witz oftmals - all das wurde damals zum ersten Mal in einem Kinderbuch beschrieben“, erinnert sich Weitendorf. „Das habe ich in keinem anderen Buch gesehen, nicht einmal in Astrids anderen Werken.“ Damit hänge auch der große Erfolg der Pippi-Geschichten zusammen, sagt Weitendorf. „Pippi verkörpert all das, was Kinder an Sehnsüchten und Wünschen und Träumen haben. Das manifestiert sich bei ihr mit sehr viel Spaß – und mit so vielen Einfällen, dass es geradezu wahnsinnig ist.“