Philipp Lahm mag keine Radikalkuren, sondern will alltägliche Routine ändern. Matthias Balk/dpa

Wenn es einer wissen kann, wie man erfolgreich Ziele verwirklicht, dann ja wohl Philipp Lahm. Er führte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Kapitän zum Weltmeister-Titel und prägte auch den FC Bayern jahrelang. Jetzt hat er ein Buch geschrieben – und spricht im Interview über Brokkoli, Blumenkohl und ein Sommermärchen 2.0.

In seinem Buch „Gesund kann jede*r“ gibt Philipp Lahm  Tipps für mehr Bewegung, teilt Rezeptideen und warnt vor zu viel Rumsitzerei: „Sitzen ist das neue Rauchen“.

Haben Sie so etwas wie einen inneren Schweinehund einfach nicht? Oder ist der bei Ihnen einfach nur sehr gut eingesperrt?

„Ich glaube, bei mir ist es einfach, weil mein Einstieg einfach war. Durch den Fußball hatte ich schon als Kind mit Bewegung nie Probleme. Und dann hatte ich ein gutes Zuhause, in dem ich mich immer wohlgefühlt habe und wo ich immer auch einen Ausgleich hatte zu der hektischen Profi-Welt. Da hatte ich Glück. Aber man muss ja nicht auf meinem Leistungsniveau enden – es geht ja um das eigene Wohlbefinden und da kann jeder Stück für Stück einfach daran arbeiten. Aber einen Schweinehund hatte ich schon: Laufen war früher nie meine Stärke. Mit Ball war alles kein Problem, aber in der langen Sommerpause oder Winterpause, wo ich dann laufen gehen musste, um mich fit zu halten, da habe ich wirklich einen inneren Schweinehund überwinden müssen.“

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Oliver Kahn hat vor vielen Jahren mal Werbung für ein Abnehm-Programm gemacht, weil er nach dem Ende seiner aktiven Karriere zehn Kilo zugenommen hatte. Gab es bei Ihnen auch so einen Moment, an dem Sie gemerkt haben: Jetzt ist es zu viel, jetzt muss ich was tun?

„Es ist gar nicht so weit gekommen. Ich bin ein reflektierter Mensch, behaupte ich von mir. Deswegen wusste ich auch bei meiner Karriere, wann sie zu Ende ist. Und wenn man weiß, wie viel man trainiert und das auf einmal wegfällt, dann muss man wissen: Okay, jetzt muss ich was ändern. Entweder behalte ich den Sport so bei, was aber einfach zeitlich nicht möglich war. So viel Sport weiterzutreiben, ging einfach nicht. Also esse ich deutlich weniger. Als Leistungssportler isst man oftmals vier Mahlzeiten am Tag. Da gibt es Kaffee und Kuchen und dann nach dem Spiel gibt es noch mal Abendessen. Heute komme ich oftmals mit zwei Mahlzeiten am Tag ganz gut zurecht.“

Das Buch "Gesund kann jede*r!" vom ehemaligen Profi-Fußballspieler Lahm ist gerade erschienen. Matthias Balk/dpa

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In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass gesunde Ernährung für Ihre ganze Familie sehr wichtig ist. Frage für alle betroffenen Eltern: Wie bekommen Sie Ihre Kinder dazu, Gemüse zu essen?

„Oh, das war auch lang schwer – vor allem bei gekochtem Gemüse. Aber dann gibt es eben Rohkost. Mein Sohn hat irgendwann mal gesagt, dass „der Baum“ ihm gut schmeckt – und dann gab es diesen Baum, Brokkoli, eben öfter. Nur Blumenkohl wird bei uns eigentlich nicht gemacht.“

Ihr Sohn spielt auch Fußball. Hat er Talent?

„Sehr schwer zu sagen. Er ist neun, da kann man das so nicht sagen. Ich glaube, dass er talentierter ist als andere. Aber ob das zum Profisport reicht, das ist auch vollkommen egal. Es soll ihm Spaß machen. Uns als Familie macht es auch Spaß, muss ich ganz klar sagen, da mit anderen Eltern auch danach zusammenzusitzen. Beim Fußball und in dem Jugendfußball werden auch Werte vermittelt wie Regeln und Respekt untereinander und sich gegenseitig zu unterstützen.“

 Was passiert, wenn Sie auf dem Fußballplatz Ihres Sohnes auftauchen?

„Das eine oder andere Foto kommt schon zustande und das ist ja auch nett. Aber die ganz Kleinen, die kennen mich ja gar nicht mehr als aktiven Spieler. Also ist das ganz entspannt. Und da unser Sohn ja auch bei meinem Heimatverein spielt, kennen mich da ohnehin viele von klein auf. Somit ist es für mich eher ein Heimkommen.“

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 Sind Sie seit dem Ende Ihrer Profikarriere entspannter?

„Das müssen andere beantworten, ob ich entspannter bin oder nicht. Aber ich kann mich jetzt um mehrere Themen kümmern, die mir einfach Freude machen. Man darf nicht vergessen: Als Leistungssportler ist die Hauptaufgabe, dass man Leistung bringt und sich natürlich als Kapitän dann auch um die Mannschaft und um dieses ganze Gefüge kümmert. Das ist die Hauptaufgabe und daran werde ich gemessen, wie jedes Wochenende und auch bei jeder Trainingseinheit. Deswegen ist da natürlich der absolute Fokus drauf. Und jetzt habe ich natürlich mehr Möglichkeiten, mich anderweitig auch zu bilden oder auch auszutauschen.“

Der ehemalige Nationalspieler Philipp Lahm gewann mit dem FC Bayern bis zu seinem Karriereende 2017 acht Meistertitel. Alexander Hassenstein/dpa

Bei Ihrem alten Verein geht es derzeit ziemlich turbulent zu. Haben Sie noch Kontakt zur Mannschaft? Sind Freundschaften geblieben? Und werden Sie sogar mal angerufen, wenn es schwierig wird?

„Nein, das nicht. Aber mit manchen Spielern, vor allem mit denen ich lange gespielt habe, habe ich noch Kontakt. Auch nicht, dass man wöchentlich jetzt telefoniert oder so, aber ich glaube, das ist wie in der normalen Arbeit oder auch in der Schule: Man nimmt manche Freunde oder Freundinnen mit in den nächsten Lebensabschnitt und manche eben nicht. Ich glaube, das ist ganz normal und so ist es bei mir auch.“

 Sind Sie erleichtert, dass Sie die derzeitigen Turbulenzen aus der Ferne beobachten können?

Antwort: „Ich bin generell froh, so wie es gerade ist. Ich bin glücklich über mein Leben, sozusagen. Dass ich Zeit mit der Familie habe, dass ich mir über andere Themen Gedanken machen kann. Ich bin Turnierdirektor der Euro 2024, wo ich auch eine sehr, sehr tolle Aufgabe habe.“

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Die Latte für ein Fußballturnier in Deutschland liegt seit dem Sommermärchen 2006 ziemlich hoch. Können Sie da rankommen mit der EM 2024?

„Das kann man ja nicht planen, aber dass es das Sommermärchen 2.0 gibt, ist der Wunsch von allen. Wir können von unserer Seite aus dafür sorgen, dass es gut organisiert ist, dass es modern organisiert ist – mit allen Themen, die jetzt sicher größer sind als noch 2006. Wenn ich zum Beispiel an das Thema Nachhaltigkeit denke: ein großes Thema, das wir auch angehen. Nach einer WM in Russland, nach Olympischen Spielen in China, einer Europameisterschaft in verschiedenen Ländern unter Pandemie-Bedingungen, dann einer Katar-WM im Winter glaube ich, dass die Menschen in Europa sich schon wieder freuen auf so ein zentrales Fußballfest im Herzen Europas, in einem demokratischen Land, wo wir unsere demokratischen Werte auch wieder nach außen zeigen können und auch da zeigen können, für was wir stehen.“