Dieser Wolkenkratzer im russischen St. Petersburg gehört dem russischen Gas-Monopolisten Gazprom, der von massiven Sanktionen betroffen ist. Reisen nach Russland fallen wohl auf längere Zeit aus. dpa

Nach zwei Jahren Corona-Pandemie hatte die Reisebranche darauf gehofft, dass es endlich wieder brummt, das internationale Geschäft. Und nun herrscht Krieg. Was das genau für Reisende bedeutet, wird sich in diesen Tagen nach und nach abzeichnen. Die direkten Folgen sind offensichtlich: Sowohl Russland als auch die Ukraine fallen für Reisen bis auf Weiteres komplett aus. Das betrifft beispielsweise Teilnehmer von Ostsee-Kreuzfahrten, für die ein Aufenthalt in St. Petersburg zu einem beliebten Anlaufziel gehört. Die Ukraine mit ihren beliebten Städtereisezielen Odessa und Lemberg wird wegen der massiven Zerstörungen als Urlaubsziel auf absehbare Zeit komplett ausfallen.

Reedereien wie MSC Cruises, Tui Cruises und Aida Cruises haben den russischen Hafen St. Petersburg wegen des Angriffs Russlands auf die Ukraine von ihren Plänen gestrichen, und dies wird wohl auch noch einige Zeit so bleiben. So hatte etwa Aida angekündigt, die geplanten Anläufe in St. Petersburg der Schiffe „Aidadiva“, „Aidamar“, „Aidanova“ und „Aidavita“ in der Sommersaison 2022 zu streichen – alternativ sollen Häfen wie Riga, Oslo, Kopenhagen oder Visby angelaufen werden. Urlauber, die eine Kreuzfahrt bereits gebucht haben, stehen nur vor der Frage: Soll ich die Reise stornieren?

Kreuzfahrt-Reisende können bei „erheblicher Leistungsänderung“ stornieren

Aus Sicht des Reiserechtlers Paul Degott aus Hannover ist so eine Änderung der Route eine „erhebliche Leistungsänderung“. Bei allem Verständnis für das Streichen des russischen Hafens von den Kreuzfahrtplänen haben Reisende laut Degott also die Möglichkeit, die Kreuzfahrt kostenfrei zu stornieren, wenn ihnen die neue Route nicht zusagt. „St. Petersburg ist ein Schwerpunkt so einer Kreuzfahrt. Visby beispielsweise ist sicherlich keine wertgleiche Alternative dazu“, sagt Degott.

Die allermeisten Reisenden, die ihren Urlaub für die Osterferien oder den Sommer bereits gebucht haben, werden davon allerdings nicht betroffen sein: Die Branche verzeichnete zuletzt ein massiven Umsatzplus, weil viele Familien nach zwei Jahren Corona-Unsicherheiten endlich einmal wieder in die Türkei, nach Ägypten oder auf die Kanaren fliegen wollen. Pauschalreisen haben sich auch aufgrund der höheren Nachfrage erheblich verteuert. Doch da sind die aktuellen Kriegs-Sorgen noch gar nicht eingepreist.

Corona-Hochrisiko-Gebiete gestrichen, doch Reisebranche sieht „dunklen Schatten der Unsicherheit“

Angesichts der Ukraine-Invasion liege über der Touristik ein „dunkler Schatten der Unsicherheit“, erklärte der Deutsche Reiseverband (DRV). Zum einen können die Veranstalter jubeln, seitdem das Robert-Koch-Institut (RKI) mit einem Streich sämtliche Corona-Hochrisikogebiete gestrichen hat. Dazu gehörte etwa Ägypten. In dem arabischen Land mehren sich die Sorgen, weil die treue russische Kundschaft aufgrund der Wirtschaftskrise und gestrichener Flüge auszufallen droht.

Dies betrifft deutsche Ägypten-Urlauber nicht, grundsätzlich kommen auf Flugreisende aber ungemütliche Zeiten zu. Sprunghafte Preissteigerungen bei Kerosin und Schmierstoffen werden sich mittel-bis langfristig auch in den Ticketpreisen niederschlagen. Für Fernreisende nach Asien kommt hinzu, dass aufgrund von russischen Gegensanktionen der Luftraum des Kriegsaggressors Russland komplett gesperrt ist. Linienmaschinen müssen diesen komplett umfliegen, was zum einen den Kerosinverbrauch und zum anderen die Reisezeit erhöht.

Sorgen und Ängste bremsen die Reiselust in Kriegszeiten

Das gehört allerdings wohl zu den geringsten Sorgen der Reisenden und Reiseveranstalter. Denn wer seine oder ihre Reise noch nicht gebucht hat, wird dies womöglich in einer Situation, wo Hunderttausende Kriegsflüchtlinge durch Europa reisen, vorerst unterlassen. Vor allem die osteuropäischen Länder, äußerst attraktive Reiseziele direkt vor unserer Haustür, sind derzeit damit beschäftigt, geflüchtete Familien aus der Ukraine unterzubringen.

Beim Buchen von Fernreisen werden womöglich Ängste wach: Der Abschuss der MH17, einer Linienmaschine aus Amsterdam auf dem Weg nach Kuala Lumpur, wird vielen noch in Erinnerung sein. Die Boeing 777 wurde von einer russischen Luftabwehrrakete getroffen, alle 298 Menschen kamen ums Leben. Das war 2014, der Beginn der russischen Invasion im Osten der Ukraine. Im vergangenen Jahr holte Belarus unter einem Vorwand einen Passagierflieger vom Himmel, um einen missliebigen Journalisten zu entführen. Und nun steht die Welt möglicherweise an der Schwelle zu einem neuen Weltkrieg: Wer mag sich in solchen Zeiten noch unbeschwert in den Ferienflieger setzen?