Oliver Stone gewann mit deinem Polit-Drama „JFK“ vor 30 Jahren zwei Oscars. Imago Images

Vor 30 Jahren gewann er mit „JFK“ zwei Oscars, galt aber trotzdem in der Riege der größten Hollywood-Regisseure immer als der schrullige Außenseiter. Jetzt kehrt Oliver Stone noch einmal zu seinem Lieblingsthema, das Attentat auf John F. Kennedy, zurück. Er bringt aber keine Fortsetzung seines Films heraus, sondern legt eine zweistündige Dokumentation nach, die offizielle Geheimdienst- und Regierungsberichte als Quellen hat.

Berliner KURIER: Ist denn das Thema Kennedy-Attentat heutzutage noch immer relevant für die Zuschauer?

Oliver Stone: Bis heute gibt es 20.000 Seiten an Dokumenten zum Attentat auf John F. Kennedy, die noch immer von der Regierung unter Verschluss gehalten werden. Eigentlich sollten sie 2017 freigegeben werden, doch Präsident Trump hat das kurz vor der Freigabe verhindert. Wahrscheinlich, nachdem ihn die CIA oder einer der anderen Geheimdienste zur Seite genommen hat.

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Und deshalb treten Sie nun wieder als der Aufklärer in Sachen JFK-Attentat in Erscheinung!

So ist es. Weil keiner unserer Politiker den Mut aufbringt, das Thema auf den Tisch zu bringen – geschweige denn, etwas zu unternehmen. Alle haben Angst vor der Presse. Denn sobald du deinen Mund aufmachst, wirst du von den amerikanischen Medien zu einem Verrückten erklärt. Das geht bereits seit 60 Jahren so und ist eine Schande.

Warum glauben Sie, dass ausgerechnet die Medien die Wahrheit verschleiern wollen?

Ok, es besteht die Möglichkeit, dass es bestenfalls nur eine Sache von Faulheit ist. Aber ich glaube eher, dass die Medien seit jeher in diese Sache verstrickt sind. Das habe ich auf die harte Tour erfahren, als ich naiv als junger Mann glaubte, dass mein Film „JFK“ zu weiteren Nachforschungen anregen und man mir auf die Schulter klopfen würde.

Nach den tödlichen Schüssen auf ihren Mann, den damaligen US-Präsidenten John Fitzgerald Kennedy, versucht Jacqueline Kennedy am 22.11.1963, aus dem fahrenden offenen Wagen in Dallas zu klettern. dpa

Stattdessen wurden Sie hart attackiert.

Ich wurde als unglaubhaft und als Verschwörungstheoretiker hingestellt. Diese Bezeichnung ist 1952 zum ersten Mal in einem CIA-Dokument aufgetaucht – als Werkzeug, um Leute in Misskredit zu bringen.

Immerhin konnten Sie sich damit trösten, dass Ihr Werk über 200 Millionen Dollar an den Kinokassen eingespielt hat.

Ja, die Zuschauer haben ihn gemocht. Und die Kritiker teilweise auch, wenn sie sich nicht darauf eingeschossen haben, dass ich faktisch daneben liege und mir Dinge ausgedacht habe. Ich habe die Fakten zusammengetragen, die es damals gab. Der Kritiksturm und die Abwertungen haben mir teilweise echt weh getan.

Ihr Film hat immerhin dazu geführt, dass der US-Kongress auf Druck der Öffentlichkeit ein neues Gesetz verabschiedet hat, den JFK Records Act. Und es wurde ein Expertengremium ins Leben gerufen, das alle Unterlagen zum Attentat finden und herausgeben sollte.

Das Gremium hat gute Arbeit geleistet, doch es hatte weder genug Geld noch genug Zeit. Und den Mitgliedern wurden regelmäßig Hürden in den Weg gelegt. Die CIA und der Secret Service haben zwei Kisten voller Unterlagen und Dokumente über eine Reise von Kennedy im November nach Florida und dann nach Chicago zerstört. Von Anfang an war es hart, die Fakten herauszubekommen. Und das ist bis heute nicht anders.

Wäre es heutzutage auch noch möglich, die wahren Umstände eines Attentats auf den US-Präsidenten zu vertuschen?

Ich glaube nicht. Damals gab es noch keine Handykameras. Mit denen hätten wir sonst schnell erfahren, was am Dealey Plaza wirklich passiert ist. Da würden Dutzende Filmchen online durchsickern. Ich glaube, heutzutage könnte Washington auch nicht so einfach die totale Kontrolle übernehmen.

JFK, Darsteller Kevin Costner, Donald Sutherland, 1991 Warner Bros/Courtesy Everett Collection Imago Images

Die Frage, die sich stellt: Werden Sie in Ihrer neuen Dokumentation enthüllen, wer JFK wirklich umgebracht hat?

Nein. Für mich war es am Wichtigsten, zu zeigen, warum man Präsident Kennedy gekillt hat – die faktischen Hintergründe. Wir zeigen Beweise dafür, dass er die USA aus dem Vietnam-Krieg abziehen wollte. Dann wurde an einer Détente mit Kuba gearbeitet und er hatte einen Test-Bann für Nuklearwaffen mit den Russen unterzeichnet. Er wollte auch eine Détente mit der UdSSR und war ein Anti-Kolonialist.

Aber warum ihn umbringen, wenn der nächste Präsident aus seiner Partei da weiter macht, wo Kennedy aufgehört hat?

Von wegen. Kennedy war ein Krieger für den Frieden. Und seit seinem Tod gab es keinen Präsidenten mehr, der den militärisch-industriellen Komplex attackiert oder unsere Geheimdienste unter Kontrolle gebracht hat. Du kannst noch nicht einmal ihr Budget verkleinern. Präsident Biden kann zwar Amerika aus Afghanistan abziehen, aber keinen Dollar aus dem Verteidigungs-Budget streichen. Das wird jedes Jahr erhöht, dieses Jahr um 30 Milliarden Dollar. Das Geld würde so dringend für zivile Projekte wie Infrastruktur, Gesundheit, Bildung oder das soziale Netz benötigt.

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Sie sind mit voller Leidenschaft bei der Sache. Was macht Oliver Stone, wenn er mal eine Pause von kontroversen Thematiken macht?

Ich meditiere und treffe mich mit meinen Freunden. Ich habe ein sehr gutes Leben und schätze mich sehr glücklich darüber. Klar würde ich mir wünschen, dass man mir während meiner Lebzeiten für meine Arbeit mehr Respekt zollen würde. Doch das ist halt so, wenn man sich mit dem amerikanischen Imperium anlegt.