Blick auf ein Pfeil-Symbol im Gaumen einer Kundin.  Foto: Indy Voet/Privat/dpa

Wenn er den Kopf ganz nach hinten in den Nacken legt und den Mund weit aufmacht, dann kann man ihn sehen: den kleinen Haufen in Lucas’ Mund. Das Tattoo, das an das Kothaufen-Emoji angelehnt ist – im Original „Pile of Poo“ genannt –, wurde in seinen Gaumen gestochen. Ja genau, in die Stelle dort oben, zwischen den Zähnen.

Von allein wäre der stark tätowierte Lucas nicht darauf gekommen, sich ein Gaumentattoo stechen zu lassen. Diese Stelle seines Körpers hat er ganz uneigennützig seinem besten Freund, dem Tätowierer Indy Voet, für Trainingszwecke zur Verfügung gestellt. Der 32-jährige Belgier ist bekannt für seine Tattoos – auch an durchaus ungewöhnlichen Stellen. Und auch, wenn in der Corona-Krise daran derzeit nicht zu denken ist.

Tätowierer Indy Voet vor Bildern seiner Tattoo-Kreationen. Monia Mersni/dpa Foto: Monia Mersni/dpa

Seine Spezialitäten: Ohren- und Genitaltätowierungen – sowie besagter Gaumen. „Ich versuche, viel von allem zu machen“, sagt Voet. Dass vor allem seine Gaumentattoos Aufmerksamkeit bekommen, erklärt er sich damit, „dass es weniger Leute gibt, die sie machen“. Und jetzt ist es eben „sein Ding“ geworden.

Selbst ist er irgendwann als Jugendlicher auf ein Bild eines Gaumentattoos gestoßen. Damals noch, ohne dem Ganzen besondere Bedeutung beizumessen. Vor ein paar Jahren schlägt er einem Freund dann vor, es mal zu probieren. Zu verlieren gab es wenig: Wenige Menschen, abgesehen vom Zahnarzt des Freundes, hätten das Tattoo gesehen, wenn es misslungen wäre.

Mit der Hand statt mit der Maschine

Der Belgier arbeitet im Gaumen vor allem mit der Handpoke-Technik. Das bedeutet, dass er seine Tattoos mit der Hand statt mit der Maschine sticht. „Ich mache es so, um niemanden zu verletzen oder in den Gaumen zu schneiden“, sagt Voet. Außerdem sei es schwierig, mit der Maschine an diese Stelle zu gelangen.

Der Belgier hat aber nicht nur ein begnadetes Händchen, sondern anscheinend auch einen Trend-Radar. Nach den ersten erfolgreichen Testläufen im eigenen Freundeskreis fragten die ersten Kunden an. Mittlerweile kann man weit über 20 der kleinen Kunstwerke auf seinem Instagram-Account bestaunen. Gestochen hat er nach eigenen Angaben weit mehr.

Wer nicht nach Belgien reisen kann, hat es gar nicht leicht, an solch ein Gaumentattoo zu kommen. In Deutschland ist die Praxis nach Angaben des Vereins Deutscher Organisierter Tätowierer (Dot) noch fast gar nicht verbreitet. Vorstandsmitglied Herry Nentwig geht sogar so weit, einigen Internet-Kommentatoren zuzustimmen, und nennt die ihm neue Methode „absolut abartig“.

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Sein Kollege Markus Schröder aus Wesseling in Nordrhein-Westfalen hingegen war von Anfang an fasziniert – und ist mittlerweile zum Nachahmer geworden. Da das Handpoken „eine Technik ist, die ich schlicht und einfach nicht beherrsche“, hat der 45-Jährige sich extra für den Gaumen und mit „ein bisschen Gefrickel“ eine sanfte Maschine gebastelt.

Blick auf einen Kothaufen-Emoji (im Original „Pile of Poo“ genannt) im Gaumen des Kunden Lucas.  Foto: Indy Voet/Privat/dpa

Oder er trifft sich mit seinem Freund Lucas, dem „Versuchskaninchen“. Auch das Symbol für dessen Gaumentattoo war Voets Idee. Heute denkt Lucas nur selten daran. „Ich sehe es in der Regel ja nicht“, lacht er. Woran er sich aber erinnert: den Schmerz. „Es war nicht sonderlich angenehm“, sagt er. Zum Glück dauert es nicht länger als eine halbe Stunde, einen kleinen Haufen im Mund zu hinterlassen. (dpa)