Mehr als eine Million Juden wurden systematisch im KZ Auschwitz-Birkenau getötet. Foto: Imago-Images/Schöning

Eine Zugfahrt hat für Salo Muller nichts mit Romantik zu tun. Der 84 Jahre alte Amsterdamer muss bei Zügen an die letzte Reise seiner Eltern denken, 1942 ins Konzentrationslager Auschwitz. Dort wurden beide ermordet. Salo Muller überlebte im Versteck in den Niederlanden. Die Transporte der Juden mit Zügen in die Vernichtungslager wurden für ihn zum Symbol des Holocausts.

Die Schrecken verfolgen ihn bis in seine Träume. „Sie wurden in Viehwaggons gepfercht, 60, 70 Menschen. Es gab einen Eimer für die Notdurft, viele erstickten.“ Muller versucht, das Unvorstellbare zu schildern. „Die Juden mussten sogar noch eine Zugfahrkarte kaufen.“ 

Salo Muller will Entschädigungen für NS-Opfer erwirken. Foto: dpa/Conny Muller

Die Judenvernichtung war auch ein zynisches Geschäftsmodell der Deutschen Reichsbahn, die daran schätzungsweise Hunderte Millionen Reichsmark verdiente. „Mit diesem Unrecht ist nie etwas geschehen“, sagt Muller und fordert nun von Deutschland Entschädigung, stellvertretend für andere niederländische Opfer.

Solche Forderungen sind nur schwer durchzusetzen. Doch Muller hat bereits die Niederländische Bahn in die Knie gezwungen. Auch dieses Unternehmen hatte zwischen 1941 und 1944 Millionen mit den Judentranporten bis zur Landesgrenze verdient. Dank des jahrelangen zähen Einsatzes von Muller gab die Bahn 2018 nach und zahlt für fast 7000 Opfer rund 50 Millionen Euro Entschädigung.

107.000 Juden wurden aus den Niederlanden in die Vernichtungslager deportiert, nur 5000 überlebten. Die Deutsche Reichsbahn war ab der Grenze für den Transport verantwortlich und rechnete bei der NS-Führung pro Person und Bahnkilometer vier Pfennige ab, Kinder zahlten die Hälfte. Die Kosten wurden zum größten Teil von den Juden selbst bezahlt. Mit Bargeld, das die Nazis ihnen in den Lagern abnahmen, geraubtem Vermögen oder Zwangsabgaben der jüdischen Gemeinschaft.

Die Reichsbahn verdiente mit ihren Transporten kräftig am Holocaust mit – auch in Berlin. Foto: Imago/Jürgen Richter

„Die Reichsbahn war ein sehr wichtiger Teil der Vernichtungsmaschinerie“, sagt Mullers Rechtsanwalt, Professor Axel Hagedorn, in Amsterdam. In seiner Forderung, unter anderem gerichtet an Bundeskanzlerin Angela Merkel, weist er auf die Spuren des Unrechts hin: „Das Schienennetz“, so Hagedorn, „wird bis heute genutzt.“

Historisch sind die Fakten unbestritten, doch rechtlich ist der Fall kompliziert. Die Deutsche Bahn ist nicht Rechtsnachfolgerin der Reichsbahn. „Es ist eine bundesdeutsche Verantwortlichkeit“, sagt der Anwalt. Nachdem die Niederländer gezahlt haben, nimmt der Druck auf Deutschland zu. Auch weil mit einer Anerkennung ein Präzedenzfall für Verfolgte aus anderen Ländern geschaffen werden könnte.

Salo Muller will nicht lockerlassen – auch im Namen seiner Eltern. Er erinnert sich noch genau an die letzte Begegnung mit ihnen in dem Amsterdamer Theater, in dem sich Juden zum Transport versammeln mussten. „Bis heute Abend und schön brav sein“, hatte seine Mutter noch zu ihm gesagt, bevor eine Kindergärtnerin ihn mitnahm. Das ist auch der Titel seiner bewegenden Memoiren. Der Kindergarten war seine Rettung. Salo Muller überlebte in acht verschiedenen Verstecken. Nach dem Krieg nahmen ihn Tante und Onkel auf. Muller wird schließlich Physiotherapeut bei Ajax Amsterdam, in den goldenen Jahren zur Zeit von Fußballlegende Johan Cruyff.

Fast 50 Jahre redete er nie über den Krieg. Bis er 1995 beim Zeitzeugenprojekt des US-Regisseurs Steven Spielberg mitmacht – auf Drängen seiner Frau Conny. Danach hört er nicht mehr auf, zu reden. Er spricht in Schulen und hält Vorträge. In seiner Heimat wird Muller von manchen als Held gefeiert. Das Lob wehrt er ab. „Ich bin kein Held, ich bin eher ein Pitbull.“ Er beißt sich fest, lässt nicht locker. „Jemand muss Schuld bekennen und dafür auch zahlen“, sagt er. „Ein kleines Pflaster auf eine große Wunde“.