Eine biologisch-technische Assistentin bereitet PCR-Tests auf das Coronavirus von Patienten im PCR-Labor vor. dpa

Geht alles schon wieder von vorne los? In Deutschland sind fast alle Corona-Schutzmaßnahmen gefallen, Leute kaufen wieder ohne Maske ein, Restaurants und Bars sind voll – doch das Coronavirus ist weiter eine weltweite Bedrohung. Millionen Menschen verharren in Lockdowns: Im chinesischen Shanghai steigen die Fallzahlen weiter an, obwohl fast alle der 26 Millionen Einwohner nicht mehr ihre Wohnungen verlassen können. Nun veranlassen neue Corona-Varianten die Weltgesundheitsorganisation (WHO), von einer fortgesetzten „Notlage“ zu sprechen.

Besonders beunruhigt die WHO angesichts der weltweiten Bedrohung, dass immer weniger getestet wird. Zwar gehen Inzidenzen und auch gemeldete Todesfälle vielerorts zurück, doch die Gesundheitsexperten sehen weiter ein hohes Risiko für Ansteckung, befeuert durch neue Omikron-Varianten.

„Wir müssen dieses Virus in jedem einzelnen Land genau verfolgen“, sagte WHO-Notfalldirektor Mike Ryan in Genf. Das Virus verändere sich ständig, neue Entwicklungen müssten so früh wie möglich entdeckt werden. „Wir können es uns nicht leisten, das Virus aus den Augen zu verlieren.“ Es wäre sehr kurzsichtig zu denken, dass das Risiko einer Ansteckung wegen weniger gemeldeter Infektionen zurückgegangen sei.

Neue Omikron-Variante BA.4 und BA.5 als „besorgniserregend“ eingestuft

Die WHO führt nach wie vor Delta und Omikron als „besorgniserregende Varianten“ auf. Bei Omikron schließt dies mehrere Linien ein, darunter die jüngst aufgetauchten BA.4 und BA.5. Sie seien in Südafrika und in einigen europäischen Ländern nachgewiesen worden, sagte die WHO-Covid-19-Expertin Maria van Kerkhove. Beide wiesen teils andere Charakteristika als andere Omikron-Varianten auf.

Spezialisten untersuchen, ob BA.4 und BA.5 sich schneller als andere Virus-Linien ausbreiteten, ob sie sich im Hinblick auf den Krankheitsverlauf von anderen unterscheiden und wie Impfstoffe dagegen wirken. Bislang gebe es keine Anzeichen, dass mit BA.4 oder BA.5 infizierte Menschen einen schwereren Krankheitsverlauf haben, sagte van Kerkhove. Nach ihren Angaben sind aber erst weniger als 200 Sequenzierungen dieser Untervarianten in die Datenbank der WHO hochgeladen worden. Van Kerkhove rief die Länder auf, die Entwicklung von Varianten weiter genau zu überwachen.

Der Allgemeinmediziner und Wissenschaftsjournalist Christoph Specht weist gegenüber RTL allerdings darauf hin, dass die Varianten BA.4 oder BA.5 von der WHO als „Variants of Interest“ gelistet werden. Was heißt das? „Sie werden zunächst einmal nur beobachtet“, so Specht.

Die Zahl der pro Woche gemeldeten Todesfälle sinkt weltweit, wie WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sagte. Am 10. April wurden innerhalb von sieben Tagen 22.000 Todesfälle gemeldet, so wenig wie seit den Anfangswochen der Pandemie 2020 nicht mehr.

Pandemie bleibt internationaler Gesundheitsnotstand

Indessen bleibt die Coronavirus-Pandemie ein internationaler Gesundheitsnotstand, wie die WHO entschied. Sie schloss sich der Empfehlung unabhängiger Experten an, die sich dagegen ausgesprochen hatten, die Ende Januar 2020 erklärte „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ aufzuheben.

Der Expertenrat betrachtet die Infektionslage nach der Erklärung eines Notstands alle drei Monate und berät die WHO. Die Ausrufung einer Notlage ist die höchste Alarmstufe, die die WHO verhängen kann. Sie soll den Fokus der Weltgemeinschaft auf ein gefährliches Problem lenken und Regierungen anspornen, Maßnahmen zu ergreifen. Länder sind damit auch verpflichtet, Fallzahlen zu melden.

Als die WHO die Notlage am 30. Januar 2020 erklärte, waren außerhalb Chinas rund 100 Infektionen in 21 Ländern bekannt. Inzwischen wurden der WHO weltweit fast 500 Millionen Infektionen und gut sechs Millionen Todesfälle gemeldet.