Der emeritierte Papst Benedikt XVI.  dpa/Sven Hoppe

Er streitet alles ab, doch ein Gutachten bezichtet den deutschen Ex-Papst Benedikt XVI., nichts gegen ihm bekannt gewordene Missbrauch unternommen zu haben. Benedikt habe als damaliger Münchner Erzbischof Joseph Ratzinger in vier Fällen nichts gegen des Missbrauchs beschuldigte Kleriker unternommen, teilten die Gutachter des Erzbistums München und Freising am Donnerstag in München mit. In einer Stellungnahme bestritt Benedikt demnach seine Verantwortung „strikt“, die Gutachter halten dies aber nicht für glaubwürdig.

Auch dem Münchner Erzbischof Kardinal Reinhard Marx wird Fehlverhalten im Umgang mit zwei Verdachtsfällen von sexuellem Missbrauch vorgeworfen. Es gehe dabei um Meldungen an die Glaubenskongregation in Rom, wie die Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW), die das Gutachten im Auftrag des Erzbistums München und Freising erstellt hat, am Donnerstag in München mitteilte.

Im Mittelpunkt des neuen Gutachtens steht die Frage: Was wusste Joseph Ratzinger? Schon für 2010 war ein ähnliches Gutachten von der Kirche in Auftrag gegeben worden, das allerdings nie veröffentlicht wurde. Brisanz haben die Ergebnisse der Münchner Anwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl (WSW) auch deshalb, weil das Gutachten die Amtszeit von Kardinal Joseph Ratzinger, des heute emeritierten Papstes Benedikt XVI., umfasst. Er war von 1977 bis 1982 Erzbischof von München, bevor Johannes Paul II. ihn nach Rom holte.

Ratzinger wird seit geraumer Zeit Fehlverhalten vorgeworfen

Kritiker werfen Ratzinger schon seit geraumer Zeit Fehlverhalten vor – konkret beim Umgang mit einem Priester aus Nordrhein-Westfalen. Der Mann soll vielfach Jungen missbraucht haben und wurde während der Amtszeit Ratzingers aus NRW nach Bayern versetzt, wo er rechtskräftig wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde und immer wieder rückfällig geworden sein soll. Allein dieser Fall soll mehrere Hundert Seiten des Gutachtens ausmachen.

Der heutige Erzbischof von München und Freising, Kardinal Reinhard Marx, der die Studie in Auftrag gegeben hat, will am Nachmittag (16.30 Uhr) eine Stellungnahme dazu abgeben.

Kritiker werfen Bischöfen überall in Deutschland vor, nicht genug getan zu haben, um Kinder in der Kirche vor Missbrauchstätern zu schützen – oder sogar Fälle systematisch vertuscht zu haben. Seit 2010 der Missbrauchsskandal am Canisius-Kolleg in Berlin bekannt wurde, sind immer mehr Fälle öffentlich geworden.

Und das hat Folgen: Kaum eine Institution finden die Deutschen nach einer Umfrage inzwischen so wenig vertrauenswürdig wie die katholische Kirche. Wie das Meinungsforschungsinstitut Forsa am Tag vor der Veröffentlichung des Gutachtes mitteilte, genießen von insgesamt 36 untersuchten Institutionen nur noch Manager, der Islam und Werbeagenturen weniger Vertrauen.

Nur noch 12 Prozent der Deutschen haben großes Vertrauen zur katholischen Kirche

Nach der Umfrage haben nur noch zwölf Prozent der Bundesbürger großes Vertrauen zur katholischen Kirche. Vor fünf Jahren waren es noch 28 Prozent. Das Vertrauen zum Papst war in der Amtszeit von Papst Benedikt auf 24 Prozent gesunken, nach der Amtsübernahme durch Papst Franziskus aber zeitweise (2015) wieder auf 60 Prozent angestiegen.

Auf dem Münchner Marienplatz protestierten Kirchenkritiker und Betroffene mit der Figur eines in einer goldenen Hängematte selig schlafenden Bischofs gegen die ihrer Ansicht nach viel zu langsame Aufarbeitung von Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche.

Im Herbst 2018 hatte die katholische Kirche die sogenannte MHG-Studie und damit Zahlen zu sexuellem Missbrauch öffentlich gemacht. Demnach sind bundesweit in den Personalakten von 1946 bis 2014 insgesamt 1670 Kleriker wegen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger beschuldigt worden. Es gab 3677 Opfer. Im Jahr 2020 machten die Ordensgemeinschaften öffentlich, dass sich bei ihnen weitere 1412 Betroffene gemeldet haben. Aus Sicht einiger Experten und von Kirchenkritikern ist das aber nur die Spitze des Eisbergs.