Im November 1994 wird die abgerissene Bugklappe der „Estonia“ geborgen. Foto: Jaakko Aiikainen/Lehtikuva/AP

Dokumentarfilmer haben ein vier Meter großes Loch im Wrack der gesunkenen Ostsee-Fähre „Estonia“ gefunden. Das berichteten mehrere skandinavische Medien am 26. Jahrestag des verheerenden Unglücks, das bis heute als die schwerste europäische Schiffskatastrophe nach dem Zweiten Weltkrieg gilt. Estland forderte, eine neue Untersuchung zu dem Untergang anzustellen.

Ebenfalls am Montag veröffentlichte die Streaming-Plattform Dplay eine entsprechende fünfteilige Dokumentationsserie mit dem Titel „Estonia – fyndet som ändrar allt“ (Estonia - Der Fund, der alles verändert). Demnach haben die Filmer einen Tauchroboter zu dem Wrack heruntergeschickt - gemäß einem nach dem Unglück geschlossenen Abkommen zwischen mehreren Ländern ist das verboten, weil das Wrack den Status einer Grabstätte hat. Wie vom schwedischen „Aftonbladet“ veröffentlichte Bilder zeigten, wurde bei der Aktion auf Steuerbordseite ein zuvor unbekanntes, vier Meter hohes und 1,20 Meter breites Loch im Schiffsrumpf entdeckt.

Die Ostsee-Fähre „Estonia“ war 1994 auf dem Weg von Tallinn nach Stockholm gesunken. Foto: Jaakko Aiikainen/Lehtikuva/AP

Die „Estonia“ war in der Nacht zum 28. September 1994 mit 989 Menschen an Bord auf ihrem Weg von Tallinn nach Stockholm gesunken. In der Nacht war auf halber Strecke plötzlich Wasser in das Schiff eingedrungen - wie genau es dazu kam, darüber wird seit Jahren gestritten. 852 Menschen starben bei dem verheerenden Unglück, darunter mehr als 500 Schweden und fünf Deutsche. Nur von 94 Toten wurden die Leichen geborgen, mehr als 750 Opfer liegen bis heute mit dem Schiffswrack vor der Südküste Finnlands auf dem Grund der Ostsee.

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Experten aus Estland, Finnland und Schweden machten 1997 in einem vielfach kritisierten Untersuchungsbericht ein falsch konstruiertes Bugvisier und seemännische Fehler der Besatzung als wichtigste Ursachen dafür aus, dass die 1980 vom Stapel der Papenburger Meyer Werft gelaufene Fähre so schnell sinken konnte. Unstrittig ist, dass die Bugklappe sich auf offener See öffnete und abriss - die Klappe war das einzige Schiffsteil, das nach dem Untergang geborgen wurde. Unmengen von Wasser strömten darauf schnell und ungehindert ins Autodeck. Damit hören die Klarheiten aber bereits auf.

Eine Szene der Doku zeigt ein Lock im Rumpf der Estonia Foto: AFP/Dplay

Estland Regierungschef Jüri Ratas sprach angesichts der neuen Unterwasseraufnahmen von bedeutenden neuen Informationen, die zuvor nicht erörtert worden seien und eine klare Antwort erforderten. „Eine neue technische Untersuchung der neuen Umstände der „Estonia“ muss durchgeführt werden“, sagte er. Estland würde den Prozess als Flaggenstaat des Schiffes leiten. Sowohl Ratas als auch Außenminister Urmas Reinsalu betonten, dass bei einer Untersuchung der über der Fähre verhängte Grabfrieden beachtet werde. „Unser Wunsch ist es, dass die Wahrheit definitiv ans Licht kommt“, sagte Ratas.

Eine gemeinsame Erklärung der Außenminister Estlands, Finnlands und Schwedens klang etwas zurückhaltender: Die neuen Informationen seien zur Kenntnis genommen worden und würden nun ausgewertet. Man verlasse sich aber auf den offiziellen Untersuchungsbericht aus dem Jahr 1997. Dennoch wird bis heute über die Unglücksursache spekuliert, Überlebende und Hinterbliebene fordern seit Jahren eine Wiederaufnahme der Untersuchungen.