Die Nachbildung eines älteren Neandertalers im Neanderthal-Museum in Mettmann bei Düsseldorf. Foto: dpa

Dass sich Vertreter des Homo sapiens vor Jahrtausenden mit Neandertalern vermischt haben, wirkt bis heute nach. Wie sich jetzt herausstellte, hat es sogar für die Corona-Pandemie große Bedeutung. Denn diejenigen Menschen, die auf Chromosom 3 das genetische Erbe von Neandertalern in sich tragen, haben ein bis zu dreimal höheres Risiko für schwere Verläufe von Covid-19.

„Die Wahrscheinlichkeit, bei einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 künstlich beatmet werden zu müssen, ist dann etwa dreimal höher“, berichten Forscher um Hugo Zeberg und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig im aktuellen „Nature“-Magazin. Die Gefahr, zu dieser Risikogruppe zu gehören, ist hierzulande relativ groß: In Europa hat den Forschern zufolge einer von sechs Menschen die Risikovariante geerbt, während sie in Afrika und Ostasien so gut wie gar nicht vorkommt. Besonders häufig finde sich die Variante bei Menschen in Südasien, wo etwa die Hälfte der Bevölkerung die Neandertaler-Variante im Genom trägt, berichten Zeberg und Pääbo.

Die Wissenschaftler haben entdeckt, dass die DNA-Sequenz, um die es in der Studie geht, den DNA-Sequenzen eines etwa 50.000 Jahre alten Neandertalers aus Kroatien sehr ähnlich ist und von Neandertalern stammt. Genau gesagt handelt es sich um eine Gruppe von Genen, auch Gencluster genannt. „Es hat sich herausgestellt, dass moderne Menschen diese Genvariante von den Neandertalern geerbt haben, als sie sich vor etwa 60.000 Jahren miteinander vermischten“, erläutert Zeberg.

Der Mechanismus ist noch unklar

Auf dieses Gencluster waren Forscher um David Ellinghaus von der Universität Kiel bereits im Sommer aufmerksam geworden. Ihre groß angelegte internationale Studie hatte das Chromosom 3 in den Fokus gerückt. Hugo Zeberg und Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben dieses Gencluster daraufhin analysiert – und die Spur zu den Neandertalern gefunden.

Die Studie der Kieler Experten, die im Juni im „New England Journal of Medicine“ erschienen ist, hatte wegen eines weiteren Ergebnisses für Aufmerksamkeit gesorgt. Denn das Team hatte herausgefunden, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19 tragen als Menschen mit anderen Blutgruppen. Menschen mit Blutgruppe 0 hingegen waren um knapp 50 Prozent besser vor einer ernsten Covid-19-Erkrankung geschützt.

Nun ist durch die Arbeit aus Leipzig auch das Chromosom 3 erneut interessant, wenn es um Therapien und individuelle Risikoabschätzung geht. Warum Personen mit dieser Genvariante ein höheres Risiko haben, ist allerdings noch unklar. „Die Sequenzen, um die es geht, beinhalten interessante Gene, die bei der Regulation der Immunreaktion eine Rolle spielen könnten“, sagt Hugo Zeberg. Max-Planck-Institutsdirektor Pääbo findet es erschreckend, dass das genetische Erbe der Neandertaler während der aktuellen Pandemie so tragische Auswirkungen hat. „Warum das so ist“, sagt er, „muss jetzt so schnell wie möglich erforscht werden.“

Heute lebende Menschen, die ihre Wurzeln außerhalb Afrikas haben, tragen zwischen einem und drei Prozent Neandertaler-DNA in ihren Genomen, in Europa sind es zwei Prozent. Vermutlich vermischten sich frühe Menschen vor etwa 50.000 bis 60.000 Jahren im Nahen Osten mit Neandertalern, als sie aus Afrika kamen, bevor sie sich dann über Asien, Europa und den Rest der Welt ausbreiteten. Funde aus verschiedenen Teilen Europas zeigen, dass moderne Menschen und Neandertaler bis zu 5000 Jahre lang gemeinsam in Europa gelebt und sich dort möglicherweise auch miteinander vermischt haben könnten. Vor 40.000 Jahren starben die Neandertaler aus.