Das Hotel Zum Türken oberhalb von Berchtesgaden. Foto: imago images/Ulrich Hässler

Ein Morgen auf dem Balkon des Hotels Zum Türken am Obersalzberg, es war kurz nach sechs. Die Sonne stand über dem Roßfeld, tauchte die schroffen Felsen ringsum in ein zart-rotes Licht. Drunten in Berchtesgaden ahnte man damals nichts davon. Eine dicke Wolkendecke lag noch über dem Tal, verhüllte den Blick auf die Berge. Hier oben aber, auf dem Hotelbalkon in knapp 1000 Meter Höhe, war die Luft frei und klar. So muss es gewesen sein, dachte ich, in einer Zeit der Unschuld, als die Berge noch keine Namen hatten.

Die Zeit lässt sich nicht zurückdrehen, erst recht nicht am Obersalzberg, der strenggenommen gar kein Berg ist, sondern nur ein Hang. Vor fast neun Jahrzehnten nahmen Adolf Hitler und sein Gefolge die 969 Meter hohe Anhöhe in Beschlag, erklärten sie zum „Führersperrgebiet“. Der Diktator verfügte, dass Bergbauern und Pensionswirte Häuser und Grundstücke verkaufen mussten, SS-Kasernen und kilometerlange Tunnelsysteme sollten angelegt werden.

Nazis erklärten Anhöhe zum „Führersperrgebiet“

Hitlers einstiges Sommerhäuschen am Hang, später Berghof genannt, wurde zu einem zweiten Regierungssitz mit gewaltiger Panoramaterrasse ausgebaut. Auch Hermann Göring, Albert Speer und der Chefplaner des Holocausts, Martin Bormann, bezogen Häuser am Obersalzberg.

All diese Gebäude gibt es heute nicht mehr. Die Amerikaner ließen sie nach Kriegsende schleifen und sperrten den Obersalzberg mit Stacheldrahtverhauen und Schranken ab. Die Ruinen vom Berghof, den US-Bomber erst wenige Tage vor Kriegsende angegriffen hatten, wurden 1952 gesprengt. Nichts hier sollte mehr an die Nazis erinnern.

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Nur ein Haus haben die Amerikaner verschont, obwohl es in Sichtweite des einstigen Berghofes steht und damals eine Fernsprechzentrale der SS beherbergte. Es ist jenes Hotel Zum Türken, von dessen Balkons aus man einen fast ebenso traumhaften Blick ins Tal hat wie Hitler einst ein paar hundert Meter weiter von seiner Berghof-Terrasse. Jetzt könnte man eigentlich wieder Urlaub machen hier, die Corona-Schutzmaßnahmen sind gelockert, Hotels dürfen wieder Gäste empfangen. Aber der „Türke“, wie sie das Haus am Obersalzberg nennen, bleibt zu. Vielleicht sogar für immer.

Denkmalgeschütztes Hotel in vierter Familiengeneration

Das denkmalgeschützte Hotel, das mittlerweile in vierter Familiengeneration betrieben wird, steht zum Verkauf. Für 3,65 Millionen Euro kann man die einzige im Privatbesitz befindliche Immobilie am Obersalzberg, zu der noch ein Nebenhaus und ein – tatsächlich nie in Betrieb genommener – Bunker aus NS-Zeiten gehören, erwerben. Die Münchner Immobilienfirma Sotheby’s International Realty preist das Anwesen auf ihrer Internetseite als „magischen Ort für Naturliebhaber“ an und verspricht dem Käufer „eine Zeitreise mit traumhafter Kulisse“.

Seit die Offerte in der Welt ist, herrscht Aufregung. Die Medien sprechen vom ehemaligen „Nazi-Hotel“ und kritisieren, dass in der Verkaufsanzeige der Maklerfirma nichts über die NS-Historie des Gebäudes und den Bunker zu lesen sei. Die Marktgemeinde Berchtesgaden, der Landkreis und die Staatsregierung fürchten zudem, das historisch belastete Gebäude könnte Interessenten mit rechter Gesinnung anziehen. Deshalb bemühen sie sich um eine Einigung mit der Inhaberin. Man setze sich für eine verantwortliche Lösung ein, erklärte das bayerische Finanzministerium auf Anfrage. „Ein Verkauf der historisch belasteten Liegenschaft soll nur an verantwortliche Hände erfolgen.“

Weitere Details erfährt man aus dem Ministerium nicht. Auch der angefragte Berchtesgadener Bürgermeister Franz Rasp will nicht mit der Presse reden. Und was sagt die Hotelbesitzerin Monika Scharfenberg? Sie schweigt ebenso, eine Anfrage lässt sie unbeantwortet.

Nach dem Krieg Rückkauf vom Freistaat Bayern

Bei meinem letzten Besuch im „Türken“ war die Hotelbesitzerin noch auskunftsfreudiger. Einen Verkauf schloss sie da noch kategorisch aus. „Mein Urgroßvater hat 1911 das Hotel aufgemacht. Er ist daran zerbrochen, als die Nazis es ihm weggenommen haben“, erzählte Monika Scharfenberg, eine freundliche Frau um die sechzig. Lange sei sie krank gewesen, erklärte sie, Burn-out. Und doch hatte sie das Hotel übernommen, als ihre Mutter 2013 starb. „Natürlich habe ich überlegt, ob ich mir das antun will. Aber das Haus gehört zur Familie, ist auch meine Geschichte“, sagte sie.

Ihre Oma sei nach dem Krieg in die Ruine des Hotels eingezogen. Das Gebäude war durch die Bombenangriffe schwer beschädigt gewesen. Die Großmutter hatte zuvor in einem langen Rechtsstreit durchgesetzt, dass sie das Hotel für 69.000 D-Mark zurückkaufen konnte vom Freistaat Bayern. Das war 1949. „Als sie starb, führte meine Mutter das Hotel gegen alle Widrigkeiten und Widerstände der Behörden weiter. Und dann, 2013, stand ich vor der Entscheidung: Weitermachen oder nicht.“

Zuerst habe sie an einen Verkauf gedacht. Es kamen dann auch einige Interessenten, sahen sich im Haus um, begutachteten vor allem die Ausstattung. „Ich hörte, wie sie sagten, die alte Kochmaschine da in der Küche, die bringt 15.000 Euro, und das da bringt soundsoviel, und so weiter. Die wollten das alles verscherbeln“, sagte sie. „Da habe ich mich entschlossen, das Hotel weiterzuführen. Denn wenn man dem Haus die Eingeweide rausreißt, dann geht es zugrunde.“

Stadt unterstellt Betreibern Gästefang mit "Flair des Bösen"

Tatsächlich sind es die „Eingeweide“, die das Hotel Zum Türken so besonders machen. Denn das Haus ist fast ein Museum, die Zeit scheint in den 60er-Jahren stehengeblieben zu sein. Es gibt ein Gemeinschaftsbad auf der Etage, eine – inzwischen allerdings zur Besenkammer umfunktionierte – Telefonzelle auf dem Flur, eine Hotelbar mit Stehlampen, Nierentischchen und durchgesessenen Plüschsesseln, in der sich die Gäste aus dem Kühlschrank selbst bedienen können.

Wer fernsehen will, muss in den Clubraum und hoffen, dass die Zimmerantenne auf dem kleinen Gerät ein passables Bild zustande bringt. Internet gibt es nicht, ebenso wenig wie Telefon oder Fernseher auf den mit Möbeln aus der Wirtschaftswunderzeit ausgestatteten Zimmern. „Bei mir entschleunigt man und genießt die Unerreichbarkeit“, sagte Monika Scharfenberg.

Unter dem Gebäude befindet sich ein verzweigtes Bunkersystem, das man für 2,60 Euro Eintritt durchstreifen kann. Informationstafeln oder Audiokommentare, die den historischen Hintergrund der unterirdischen Anlage einordnen, gibt es hier nicht. Was immer wieder für Streit mit der Stadtverwaltung von Berchtesgaden führte, die den Hotelbetreibern stets unterstellte, mit der zweifelhaften Attraktion eines SS-Bunkers Besucher anziehen zu wollen. „Wir wollen keine Hoteliers, die mit dem Flair des Bösen Gäste anlocken“, hatte Bürgermeister Franz Rasp bei einem früheren Gespräch gesagt und damit unverhohlen auf das Hotel Zum Türken angespielt.

Vorwürfe und Unterstellungen haben die Fronten verhärtet

Monika Scharfenberg kennt diese Diskussionen. Jahrelang hat sie in der Tourismusinformation von Berchtesgaden gearbeitet. „Was wurde da im Rathaus nicht immer alles gemunkelt, was sich hier oben so abspielt“, sagte sie. „Ein Schmarr’n.“ Und dann erzählte sie, noch immer empört, von einem Fernsehbericht aus dem Jahre 2007, in dem von Hakenkreuzen an den Bunkerwänden unterm „Türken“ die Rede war. „Aber was gezeigt wurde, war gar nicht unser Bunker, sondern ein ganz anderer. Meinen Sie, die hätten das je korrigiert?“

Gemälde eines reitenden Türken am Hotel Zum Türken. Foto: imago images/imagebroker

Es ist in den vergangenen Jahren Ungutes gesagt worden im Streit um das alte Hotel am Obersalzberg, gegenseitige Vorwürfe und Unterstellungen haben die Fronten verhärtet. Wohl auch deshalb will keiner der Beteiligten heute über das Kaufangebot mit den Medien sprechen. Denn sollte die Inhaberin das Haus an einen privaten Investor veräußern, hätten Land und Gemeinde kaum eine Möglichkeit, dagegen vorzugehen.

Dabei geht es der Hotelbesitzerin auch um Tradition. Nur dass Monika Scharfenberg sie auf die Familiengeschichte beschränkt sehen will, während die Stadtverwaltung die Historie des Hauses am Obersalzberg nicht von der Zeitgeschichte trennen mag. Deshalb versuchte die Marktgemeinde auch schon lange bevor die Verkaufsanzeige im Internet erschien, den „Türken“ in kommunales Eigentum zu übernehmen.

Eigentümerin: Stadt will Hotel am Liebsten zumachen

Aber zu welchem Zweck? Will man das Haus weiter als Hotel betreiben? Die Stadtverwaltung schweigt dazu. Monika Scharfenberg war in unserem damaligen Gespräch überzeugt davon, dass die Stadt, sollte sie Eigentümerin werden, das Hotel zumachen wolle. Die sähen ihre Gäste lieber in dem nur ein paar Hundert Meter bergauf vom Freistaat für 50 Millionen Euro errichteten Fünf-Sterne-plus-Hotel Kempinski Berchtesgaden, sagte sie.

In dem im März 2005 eröffneten luxuriösen Bau aus Stahl und Glas kann man ab 300 Euro pro Nacht aufwärts eines der 126 großzügigen Zimmer bewohnen und sich im luxuriösen Mountain Spa verwöhnen lassen. Glamour statt Grauen auf der einstigen Adolf-Hitler-Höhe sozusagen. Das von Beginn an politische Projekt ist betriebswirtschaftlich gesehen allerdings ein Zuschussgeschäft geblieben und belastet den Haushalt des Freistaats.

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Die Gäste im Hotel Zum Türken, das seit Jahren jeweils nur von April bis Oktober geöffnet war, waren zu 90 Prozent Ausländer. Viele Stammgäste seien darunter gewesen, „treue Seelen“, wie sie die Hotelchefin nennt. Amerikaner zumeist, die den „Türken“ noch aus der Besatzungszeit kannten oder von ehemaligen US-Soldaten empfohlen bekommen hatten. Auch Japaner sollen gern hier gewesen sein, und Chinesen. „Die kommen nicht wegen des Bunkers unterm Haus, die wollen mein Hotel erleben, das mit seinem Interieur eine ganz besondere Zeitreise bietet“, sagte sie. Deutsche Gäste hatte sie eher selten. „Und die, die das erste Mal hier sind, meckern viel. Kein Fernsehen, kein Internet – die sind es nicht mehr gewöhnt, ohne all das zu leben.“

Entscheidungen, die in Weltkrieg und Holocaust führten

Denkbar ist, dass die Gemeinde das alte Hotel – sollte sie es erwerben – zu einem Gedenkort für die lokale Geschichte umgestalten will, der die Ausstellung im nahen Dokumentationszentrum Obersalzberg ergänzen könnte. Am 20. Oktober 1999 war das vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin konzipierte und betreute Dokumentationszentrum als Lern- und Erinnerungsort unweit des alten Berghofs eröffnet worden.

Eine Erfolgsgeschichte, denn die Einrichtung lockte bisher über drei Millionen Besucher an. Nach dem Willen der Staatsregierung wird das Dokumentationszentrum gerade baulich erweitert, die Ausstellungsfläche soll verdoppelt und erstmals auch das Gelände des ehemaligen Berghofs einbezogen werden.

Ein paar Schritte unterhalb des Hotels Zum Türken führt ein versteckter Waldweg abseits einer Nebenstraße dorthin, wo Hitlers Berghof stand. Das Grundstück ist inzwischen mit hohen Bäumen zugewachsen. Der Ausblick ins Tal, der sich von der einstigen Führerterrasse bot, lässt sich nur noch erahnen.

Auf einer silbernen Metalltafel wird auf Deutsch und Englisch die Geschichte des Gebäudes erzählt. „Hier wurden Entscheidungen getroffen, die in die Katastrophe von Weltkrieg und Holocaust führten“, lautet das lakonische Ende des Textes. Einige Schritte weiter findet man im Waldboden noch Treppenreste und ein paar Ziegelsteine aus dem alten Mauerwerk des Berghofs. Die Spuren der Geschichte lassen sich nicht tilgen.