Zwei Männer brechen mit vorgehaltenem Messer aus einer geschlossenen Forensik-Klinik aus und fliehen durch die Nacht bis Aachen. IMAGO / Roland Mühlanger

Ein Jahr nach der spektakulären Flucht zweier Männer aus einer geschlossenen Psychiatrie in Bedburg-Hau am Niederrhein beginnt am Mittwoch in Kleve der Prozess gegen einen der Ausbrecher, einen 44-jährigen Deutschen. Er ist wegen Geiselnahme, besonders schweren Raubs und Widerstands angeklagt und muss mit mindestens fünf Jahren Haft rechnen. Der andere - zur Tatzeit 37 Jahre alte - Ausbrecher war von der Polizei erschossen worden, nachdem er in Aachen auf einem Spielplatz eine unbeteiligte Frau mit einem Messer bedroht hatte.

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Die beiden ausgebrochenen Straftäter - wegen schweren Raubes zu Haftstrafen verurteilt - waren wegen einer Suchterkrankung in die Forensik nach Bedburg-Hau gekommen. Sie hatten am 25. Mai 2020 abends einen Pfleger mit einem Küchenmesser und einer Rasierklinge bedroht und als Geisel genommen, wie das Landgericht mitteilte. Sie hätten den Pfleger gezwungen, unter einem Vorwand mit ihnen zusammen den gesicherten Bereich der Anstalt zu verlassen, und seien dann ohne ihn in seinem Auto davongefahren.

Ausbrecher aus Psychiatrie bekamen Messer für „Eigenbedarf“

„Wenn sich die Schleuse nicht öffnet, überlebst Du das nicht“, hatten die beiden Täter laut Gericht ihre Geisel bedroht. Der Mann habe daraufhin an der Pforte vorgegeben, mit den Patienten zusammen Müll rausbringen zu wollen - der zuständige Beamte öffnete die Schleuse. Messer seien in der Anstalt an Patienten für den Eigenbedarf ausgegeben worden, wenn diese als nicht gefährlich eingestuft waren, ergab später eine Prüfung des Falls.

Die Männer waren mit dem gestohlenen Auto rund 150 Kilometer durch die Nacht bis Aachen gefahren, während die Polizei eine großangelegte Fahndung gestartet hatte. Am nächsten Tag entdeckten Polizisten die Flüchtigen. Der heute 44-Jährige habe daraufhin erneut zwei Messer gezogen und gegen die Polizei gerichtet, so das Landgericht. Er sei aber festgenommen worden, nachdem ein Polizeihund ihn angegriffen und gebissen habe. Der damals 37-Jährige hatte eine Frau von hinten umklammert und ihr ein Messer an den Hals gehalten. Zwei Polizisten schossen auf ihn, eine Kugel war tödlich, wie die Obduktion des Manns ergab.

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Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (SPD) hatte nach dem Ausbruch eine genaue Prüfung der Abläufe und mehr Sicherheit in den forensischen Anstalten versprochen. Das NRW-Ministerium kritisiert seit längerer Zeit das Problem der Überbelegung bei der Unterbringung von Straftätern mit Suchtproblemen. Vielfach könnten suchtkranke Straftäter im sogenannten Maßregelvollzug nicht erfolgreich behandelt werden, hatte das Ministerium im vergangenen Jahr in einer Landtagsausschusssitzung zu dem Thema kritisiert.