Corona verändert den Sex.  Foto: imago images/Shotshop

YouPorn, PornHub und Co. – fast alle Porno-Plattformen haben seit Beginn der Corona-Krise gigantische Zuwächse. Auch Online-Shops, die Sextoys verkaufen, haben ihre Gewinne überdurchschnittlich gesteigert. Dabei entfielen schon im letzten Jahr laut einer Untersuchung des Marktforschers SimilarWeb 12,5 Prozent des gesamten Internet-Traffics in Deutschland auf Sex-Seiten. Hat Corona unsere Sexualität also wirklich so verändert? Und was macht das mit unserem Körper? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.  

Warum gucken die Deutschen in der Krise mehr Pornos und bestellen mehr Sexspielzeug?

„Weil es hilft, Stress abzubauen“, bringt es Sexualtherpeutin Dr. med. Heike Melzer auf den Punkt und hat sogar eine evolutionsbiologische Erklärung parat. Sex hat einen direkten Zugriff auf das innere Belohnungssystem des Menschen, weil es dem Überleben der Population dient. Ähnlich wie beim Essen werden direkt Glücksgefühle ausgelöst. Und die verringern den Stress, der durch den Lockdown und die Folgen der Pandemie entstanden ist. „Auf der anderen Seite spielen natürlich auch Langweile und der Faktor Zeit eine Rolle. Wer nur eingeschränkt raus kann, viel Zeit im Homeoffice vor dem Laptop verbringt, wird auch schneller verleitet, im Internet nach Neuem zu schauen“, erklärt Dr. Melzer.

Wer sich permanent mit einem 120-Herz-Spielzeug befriedigt, den wird ein untermotorisierter Penis kaum noch stimulieren können.

Sexualtherpeutin Dr. med. Heike Melzer

Was bedeutet das mit Blick auf die Beziehungen der Deutschen?

Zum einen zeigt es, dass die drei Säulen der Sexualität für viele Deutsche in einer friedlichen Co-Existenz funktionieren. Triebkraft, also Spaß haben an der Sache, Emotionen, die Liebe zu seinem Partner, und der Fortpflanzungsgedanke müssen längst nicht mehr alle gleichzeitig bedient werden, um lustvolle Zeit zu verbringen. „Viele Menschen wollen keine Bindung eingehen, sondern nur schnellen, unverbindlichen Sex. Wenn Bars, Discos und Massagesalons aber über Wochen und Monate geschlossen haben, braucht es eben Alternativen“, erklärt die Sexualtherapeutin.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch die Paare, die plötzlich wieder mehr Zeit füreinander hatten. Pornos und Sexspielzeuge bieten eine Alternativ-Route. Für neue Abenteuer zu zweit – oder eben auch bei völlig unterschiedlichen Vorstellungen und Vorlieben.

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Haben Pornos und Sexspielzeuge einen langfristigen Einfluss auf unser Liebesleben?

Das kommt auf das Ausmaß an. Dr. Melzer vergleicht Pornos schauen und Sexspielzeug nutzen mit dem Naschen von Pralinen. „Solange es nicht die Hauptmahlzeit ist, ist es in Ordnung“, sagt sie.

Das Problem: Starke sexuelle Reize lassen uns abstumpfen. Nicht ohne Grund hat die WHO zwanghaftes sexuelles Verhalten 2019 zur Krankheit erklärt – mit eigenem Diagnoseschlüssel. „Wer mit Pornos ständig seinen Fantasien freien Lauf lässt, dem droht die partnerbezogene Lustlosigkeit – einfach, weil es langweilig scheint. Wer sich permanent mit einem 120-Herz-Spielzeug befriedigt, den wird ein untermotorisierter Penis kaum noch stimulieren können“, warnt Dr. Melzer vor den Folgen.

Foto:Tropen-Verlag
Buchtipp

Scharfstellung: Die neue sexuelle Revolution – Eine Sexualtherapeutin spricht Klartext
Autorin: Dr. med. Heike Melzer
Preis: 16,95 Euro
Verlag: Tropen

Auch Dating-Apps sind zahlenmäßig explodiert. Sind solche Plattformen eine echte Alternative zu realen Dates?

Zumindest waren sie ein rar gewordener Ort für einen Flirt ohne Ansteckungsgefahr – solange die Begegnung rein virtuell bleibt. Die Anzahl an Tinder-Unterhaltungen ist weltweit um 20 Prozent gestiegen, Bumble verzeichnete Ende März einen 77-prozentigen Anstieg der Videoanrufe. „Im Social Distancing ist allerdings die Geschwindigkeit deutlich zurückgegangen. Weg vom schnellen Wischen hin zum Verweilen im Videochat“, sagt die Paartherapeutin. Dass die Begegnungen seit Ausbruch der Coronavirus-Krise inhaltlich intensiver sind als sonst, bestätigen auch die Anbieter selbst: Die Dauer der Gespräche auf Tinder hat sich um 25 Prozent verlängert.