BAP-Sänger Wolfgang Niedecken. dpa/Oliver Berg

Neulich hatte Wolfgang Niedecken mal wieder so einen Bob-Dylan-Moment. Das war an Rosenmontag, als sich die Kölner entschieden, statt eines Karnevalsumzugs eine Friedensdemonstration für die Ukraine abzuhalten. „Es war eine wunderschöne, bewegende Atmosphäre.“

Niedecken stand unter lauter Kostümierten auf dem Chlodwigplatz in der Südstadt, genau dort, wo er in den 50er-Jahren aufgewachsen ist, „und auf einmal erschallt aus den Boxen nicht etwa „Mer losse d'r Dom in Kölle“, sondern Bob Dylans „A Hard Rain's A-Gonna Fall“. „Masters Of War“. „Blowin' In The Wind“. Lauter Lieder, die was mit Krieg und Frieden zu tun haben. Das war Gänsehaut, das war ein magischer Moment.“

Wolfgang Niedecken auf den Spuren von Bob Dylan

Wolfgang Niedeckens Leben und seine Musik sind eng mit dem Werk des großen Singer-Songwriters und Literaturnobelpreisträgers verwoben. Am Freitag (25. März) erscheint nun sein Soloalbum „Dylanreise“ mit 32 Songs und Erzählungen, ein Road-Trip auf den Spuren des US-Musikpoeten.

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Wie das zustande kam, ist eine Geschichte für sich: Schon lange hatte der Verleger Helge Malchow Wolfgang Niedecken gedrängt, seine besondere Beziehung zu Bob Dylan literarisch zu verarbeiten. Der fand aber nie Zeit dafür. Dann kam Corona. Alles fiel aus, und so setzte sich der Rockmusiker und BAP-Frontmann hin und schrieb „Wolfgang Niedecken über Bob Dylan“, erschienen im März 2021.

Das neue Album von Wolfgang Niedecken heißt „Dylanreise“. dpa/Vertigo/Capitol/Urban

Als Nächstes kam eine Anfrage von der Elbphilharmonie für ein Konzert zum 80. Geburtstag von Bob Dylan. Niedecken tat sich dafür mit Jazz-Pianist Mike Herting zusammen. Daraus entwickelte sich eine Tournee mit 45 Auftritten im ganzen Bundesgebiet. Jedes Konzert fand wieder unter anderen Corona-Auflagen statt – „Baden-Württemberg war am konsequentesten“.

Anschließend fragten Fans an, wann das Ganze denn als Album erscheine. Also ging das Team am Silvestertag 2021 in Köln ins Studio und nahm die Songs an einem einzigen Tag auf. „Wir hatten ja 45 Gigs damit gehabt, wir wussten, wie's geht.“ Die Lesepassagen kamen später dazu.

Wolfgang Niedecken will Bob Dylan zugänglicher machen

Niedeckens Hoffnung ist, dass durch das Album auch Leute, die mit Dylan bisher nicht so viel anfangen können, einen Zugang zu ihm finden. „Dylan ist ja nicht nahbar, er lässt sich noch nicht mal die Hand schütteln. Das hat mit Arroganz nichts zu tun, er ist einfach unglaublich schüchtern. Man muss sich den Bob Dylan wie einen Privatgelehrten vorstellen, der an vielem interessiert ist“, – aber eben auch etwas verschroben.

Der legendäre Musiker Bob Dylan. AFP/Fred Tanneau

Eigentlich müsste es im Moment die perfekte Zeit für Musik sein, die etwas mehr bewirken will als nur gute Laune. Wolfgang Niedecken kann sich jedoch seit längerem darüber aufregen, dass solche politischen Titel im Radio bewusst nicht gespielt werden. „Ich kann so viele Lieder schreiben, wie ich will, wenn die die nicht senden, werden die nur die Stammkundschaft erreichen. Es heißt dann aber immer nur: „Das ist nicht uplifting.“

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Von BAP würden ausschließlich ein paar Steinzeitsongs aus den 1980er-Jahren gespielt, nicht aber ein Titel wie „Ruhe vor'm Sturm“ über die Gefahr durch den Rechtspopulismus. Niedecken: „In Talkshows werde ich dann mitunter noch gefragt, ob nicht mehr Musiker politische Lieder schreiben müssten. Ich antworte dann immer noch höflich, aber hinterher denk ich mir manchmal: Geht's noch? Das ist schon irgendwo eine Geschmacksdiktatur.“