Die Drohnenaufnahme zeigt, wie die schlichten Särge im Massengrab auf Hart Island, der Insel vor New York, gestapelt werden. Foto: AP /John Minchillo

Die Insel ist der Armenfriedhof von New York. Und Beerdigungsstätte in Epidemie-Zeiten. Auf Hart Island liegen über eine Million Tote, gestorben seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Jetzt werden auf der „Insel der Toten“ Massengräber für die Corona-Opfer ausgehoben.

Es sind dramatische Bilder, die die Aufnahmen von Drohnen zeigen: Arbeiter in weißen Schutzanzügen stapeln in der großflächig ausgehobenen Grube auf Hart Island die Leichen in schlichten Holzsärgen, je drei übereinander, dicht an dicht. Die Insel gehört zur Bronx, Stadtteil von New York. Nirgendwo in den USA ist die Corona-Lage so verheerend wie in der Metropole, 5400 Menschen starben bislang allein hier mit einer Sars-CoV-2-Infektion. Weil in den Leichenhallen der Krankenhäuser  New Yorks kein Platz mehr ist, legt man die Verstorbenen inzwischen in Kühllastern ab. Viele von ihnen werden nun auf der „Insel der Toten“ begraben. Im Massengrab.

Es soll eine vorübergehende Lösung sein. „Wenn wir zwischenzeitlich die Menschen beerdigen müssen, bis die Krise überstanden ist, und danach mit jeder Familie die eigentliche Beerdigung besprechen, so haben wir hiermit die Möglichkeit, das zu tun“, sagte New Yorker Bürgermeister Bill De Blasio. Normalerweise werden hier  etwa 25 Tote pro Woche bestattet. So viele sind es jetzt pro Tag, berichtet die „New York Times“.

Hart Island hat eine lange Geschichte als Ruhestätte für Arme und Obdachlose, für Leichen, die nicht identifiziert werden können und für totgeborene Kinder. „Gefängnis für die Toten“ wird die Insel auch genannt, es ist einer der größten Friedhöfe der USA.  Im Jahr 1868 kaufte die Stadt New York die eineinhalb Kilometer lange Insel einer Familie aus der Bronx ab, für 70000 Dollar. Seither wird hier auch bestattet. Als Totengräber werden Häftlinge der nahegelegenen Gefängnisinsel Rikers Island eingesetzt. Sie arbeiten auf Hart Island für einen Stundenlohn von einem Dollar – allerdings nicht jetzt während der Coronavirus-Pandemie.

Die Insel vor New York ist etwa 1,5 Kilometer lang und 400 Meter breit und auch der Armenfriedhof der Stadt. Foto: AP /John Minchillo

Bis heute ist die New Yorker Gefängnisverwaltung für Hart Island zuständig. Bei den Beerdigungen gibt es keine Zeremonien, auch ein Grabmal, ein Gedenkzeichen für den Toten gibt es meist nicht. In den 1980er Jahren wurden auf Hart Island viele Aids-Tote beigesetzt, weil sie zu Lebzeiten den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren hatten oder weil andere Friedhöfe aus Angst vor Ansteckungen eine Bestattung verweigerten.  

Hart Island ist aber nicht nur ein riesiger Friedhof: Während des US-Bürgerkriegs diente die Insel als Gefangenenlager für Südstaaten-Soldaten, später als Nervenheilanstalt, Sanatorium für Tuberkulose-Patienten, Jugendhaftanstalt und in der Zeit des Kalten Krieges sogar als Raketenstützpunkt. Lange Zeit war die Insel für Besucher gesperrt. Zuletzt durften immer wieder Besucher auf die Insel – allerdings streng reguliert. (mit AFP)