Martha Cohn feierte jetzt ihren 100. Geburtstag.  Foto: Missingfilms

„Ich habe gerade meinen 100. Geburtstag gefeiert – aber es fühlt sich an, als hätte ich schon 200 Jahre gelebt.“ Das ist bei Marthe Cohn, geborene Hoffnung, keine Übertreibung. Sie wuchs als viertes von sieben Kindern einer jüdischen Familie im Elsass auf, ihre Schwester wurde in Auschwitz ermordet, ihr Verlobter und eine weitere Schwester wurden als Widerstandskämpfer exekutiert. Weil sie blond und blauäugig war sowie perfekt Deutsch sprach, ging Cohn unter dem Decknamen Martha Ulrich als Spionin nach Deutschland.

Die knapp 1,50 Meter große (ohne Gewähr) Frau sammelte ab Januar 1945 Informationen über Truppenbewegungen und Moral der Bevölkerung in Süddeutschland: „Niemand hätte mir zugetraut, Spionin zu sein. Das habe ich ausgenutzt.“ Sie gab sich als Krankenschwester aus, die nach ihrem verschollenen Verlobten suchte. Ihr gelang es, zum Militärdienst gezwungene Französinnen als Informantinnen zu rekrutieren. Ihr größter Erfolg: Sie entdeckte kurz vor Kriegsende, dass die legendäre Verteidigungslinie am Westwall bereits evakuiert worden war.

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Unter Lebensgefahr auf einer Friedensmission

Warum sie sich damals in Lebensgefahr begeben hatte: „Ich sah es als meine Mission, dabei zu helfen, den Krieg endlich zu beenden. Keiner hätte mich je für eine Spionin gehalten.“ Ihre Memoiren („Im Lande des Feindes“) verarbeitete die deutsche Filmemacherin Nicola Alice Hens zu einem Dokumentarfilm. Der Titel: Chichinette“(„kleine Nervensäge“).

Mehrmals schlich sich Marthe Cohn hinter die deutschen Linien. Foto: M. Cohn

Nur durch die Coronavirus-Pandemie ließ die rüstige Jubilarin sich davon abhalten, weiterhin Vorträge über ihre dramatischen Jahre als Spionin zu halten. Auch ihre Geburtstagsparty musste die seit 1956 in Los Angeles lebende „Kleine Nervensäge“ wegen des Coronavirus anders feiern als geplant: „Ich habe in meiner Hauseinfahrt auf einem Stuhl gesessen und Hunderte von Nachbarn und Menschen, die mich kennen, sind mit dem Auto vorbeigefahren. Selbst der israelische Konsul! Sie haben Happy Birthday-Schilder hochgehalten und gesungen. Es war fantastisch.“

Cohn: „Populismus und Nationalismus ist nicht akzeptabel“

Cohn ist meinungsfreudig und willensstark wie eh und je. Das zeigt sich, wenn sie der aktuellen Politik die Meinung geigt: „Populismus und Nationalismus ist nicht akzeptabel. Ich liebe meine beiden Heimatländer Frankreich und Amerika von ganzem Herzen. Doch ich akzeptiere auch andere Menschen als gleichberechtigt – und das müssen wir alle tun!“

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Cohn erhielt 2014 das Bundesverdienstkreuz: Sie hofft, dass sie bald wieder Vorträge in Schulen und Universitäten über ihr Schicksal unter der Nazi-Herrschaft halten kann: „Die jungen Menschen sind immer sehr interessiert. Es ist so wichtig, ihnen als Zeitzeuge zu vermitteln, dass Hass in Vernichtung unschuldiger Menschen umschlagen kann.“

Ihr schönstes Geburtstagsgeschenk ist ein offizielles Glückwunsch-Schreiben aus Berlin von Frank-Walter Steinmeier. Bei einer Deutschlandreise 2019 hatte der Bundespräsident Marthe Cohn und ihren Mann Major ins Schloss Bellevue eingeladen: „Wir haben uns dort unterhalten wie alte Freunde.“