Andre Morgner baut moderne Räuchermännchen. Auch Modezar Karl Lagerfeld (links) entstand schon in seiner Werkstatt. Fotos: Andre Morgner

In der Weihnachtszeit wird es in vielen Wohnungen gemütlich. Doch während anderswo in Deutschland die Regale voller Nussknacker, Räuchermännchen und Pyramiden stehen, ist vielen Berlinern diese Art der Deko zu altertümlich. Erzgebirgische Volkskunst ist nicht modern? Es gibt einen Mann, der das Gegenteil beweist: André Morgner kommt aus dem Erzgebirge, machte sich über Jahre als Graffiti-Sprayer einen Namen, bemalte auch in Berlin Wände. Und gilt mit seinem Holzkunst-Label „Boys From The Wood“ als Rockstar der Räuchermännchen!

Erst vor ein paar Wochen machte André Morgner unerwartet Schlagzeilen. Das Management von „Rammstein“-Frontmann Till Lindemann hatte bei ihm angeklopft – und 100 handgemachte Räuchermännchen bestellt. Als Vorbild diente der Rocker. Morgner lieferte ab. Die Figuren zeigen Lindemann mit schwarzen Klamotten, grimmig geschminktem Gesicht, rotem Haarschopf und Augenbrauen-Piercing.

Das Räuchermännchen von Rammstein-Frontmann Till Lindemann war innerhalb weniger Stunden ausverkauft. Foto: André Morgner

„Und bei einem Ausstatter für Puppenstuben habe ich die kleinen Mikrofone bestellt“, sagt Morgner. Die Räuchermännchen wurden handsigniert von Lindemann, waren zu haben für einen Preis von sagenhaften 479 Euro – und waren binnen 24 Stunden restlos ausverkauft. Die Musik-Welt berichtete über Morgners Werk, und noch jetzt staunt er darüber. „Ich meine: Ich war im Rolling Stone“, sagt er. „Mit Räuchermännchen! Hallo?“

Wenn André Morgner erzählt, bricht hier und da der erzgebirgische Akzent durch – schließlich kommt er aus dem sächsischen Landstrich, der in der ganzen Welt für seine Holzkunst bekannt ist. Auch Morgner liebt Räuchermännchen, Nussknacker und Schwibbögen. Und verpasst ihnen seit 2014 einen neuen Anstrich: Damals gründete er das Label „Boys From The Wood“ („Jungs aus dem Wald“). Morgner stellt Räuchermännchen her, aber keine klassischen. „Ich könnte auch Jäger herstellen und Soldaten, aber das wird in anderen Werkstätten schon gemacht und alle machen es gut.“ An seiner Werkbank entstanden schon Räucherfiguren, angelehnt an Karl Lagerfeld, die Olsenbande, Lemmy Kilmister von „Motörhead“ – und eben Till Lindemann. Seine Laufbahn begann in einer ganz anderen Richtung.

Mächtig gewaltig, Egon! Diese Räuchermännchen sind der Olsenbande nachempfunden – auch der Tresor von Franz Jäger Berlin gehört dazu. Foto: André Morgner

Morgner wuchs in Bernsbach im Erzgebirge auf, einem Örtchen nahe Aue. Mit Bezug zu Räuchermännchen und Co., aber ohne familiäre Vorprägung. „Keiner in meiner Familie hatte auch nur Ansatzweise was mit Holzkunst zu tun“, sagt er. Stattdessen entdeckte er seine Leidenschaft für Graffiti. „Wenn man als Teenager im Erzgebirge Langeweile hat, macht man das eben“, sagt er und lacht. Zehn Jahre lang sei er vor allem in der Nacht unterwegs gewesen. „Ich merkte, dass das mein Ding ist.“ Später malte er Aufträge, ging die Kunstform immer professioneller an. Auf Instagram folgen ihm unter seinem Künstlernahem „Boogie“ inzwischen eine Viertelmillion Menschen. „Ich habe in den letzten fünf Jahren rund 30 Länder bereist, um zu malen.“

Sogar eine kleine Warze aus Holz hat es ins Gesicht von Räuchermännchen Lemmy Kilmister geschafft. Foto: Andre Morgner

Er studierte Kommunikationsdesign, schrieb seine Diplomarbeit über die erzgebirgische Volkskunst. Und begann, nebenbei Räuchermännchen zu bauen, zunächst aus Einzelteilen, die er in einer Erzgebirgs-Werkstatt abstaubte. „Ich habe damals zum Beispiel einen Skateboarder gemacht. Irgendwann sah ein Kumpel meine Männel und sagte: Die musst du ausstellen.“ Ein Freund im Einzelhandel stellte in der Vorweihnachtszeit seine Schaufenster in der Chemnitzer Innenstadt zur Verfügung, Morgner präsentierte dort die Figuren. 500 Leute seien damals gekommen, das Konzept kam an. Jedes Jahr gab es eine Ausstellung, nur in diesem Jahr musste sie aufgrund der Corona-Pandemie ausfallen.

Inzwischen lässt sich Morgner die Einzelteile – Körper, Köpfe, Arme und Beine – in einer Fräserei anfertigen, in seiner Werkstatt entstehen dann auf Bestellung die Figuren, handbemalt und detailreich gestaltet. Jährlich produziert er zwei neue Männchen in Kleinserie, den Hauptteil der Arbeit machen aber die personalisierten Männchen aus, die er auf Kundenwunsch anfertigt. 360 verschiedene habe er bereits gemacht, sagt er – alles Einzelstücke. „Klar könnte ich viel Geld damit verdienen, denn bei den Ausstellungen werden mir die Figuren aus den Händen gerissen. Aber ich will, dass es exklusiv bleibt.“ Während einige Kunden gern sich selbst als Räuchermännchen haben wollen, fragen andere nach Promis.

Auch personalisierte Räuchermännchen fertigt Morgner an. Foto: André Morgner

„Karl Lagerfeld und Lemmy Kilmister haben mir am meisten Spaß gemacht“, sagt er. „Vor allem Lemmy. Ihm die kleine Holz-Warze ins Gesicht zu kleben war schon geil.“ Sogar seine Mutter hilft übrigens bei der Produktion: „Sie häkelt mir für die Figuren kleine Bommelmützen.“ Jeder Wunsch wird aber nicht erfüllt. „Es kam schon dreimal vor, dass jemand Adolf Hitler als Räuchermann haben wollte. Aber da sage ich: Kannste woanders hingehen.“

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Mit seiner Arbeit will André Morgner dem alten Handwerk auch neues Leben einhauchen. Konkurrenz zu alteingesessenen Betrieben sieht er nicht – im Gegenteil: Wie gut eine neue Idee einer Branche helfen kann, habe der Schwarzwald gezeigt. „Kuckucksuhren waren lange eingestaubte Ladenhüter. „Aber dann kam ein Künstler, der hat sie in Neonfarben gestaltet und mit Totenköpfen und Handgranaten verziert“, sagt er. Sogar Modezar Lagerfeld habe sich mit einer solchen Uhr fotografieren lassen – eine Renaissance für das Handwerk. Vielleicht klappt’s mit den Räuchermännchen auch? Freuen würde es Morgner. Zwar wohnt er seit ein paar Jahren nicht mehr im Erzgebirge, sondern in der Schweiz. „Aber mein Herz ist dort geblieben.“