Emil Farkas (l), Holocaust-Überlebender, Zeuge und Nebenkläger, sitzt im Gerichtssaal im Prozess gegen einen mutmaßlichen ehemaligen KZ-Wachmann. dpa/Christophe Gateau

In bewegenden Worten schildert ein 92-jähriger Überlebender des Konzentrationslagers Sachsenhausen im Gericht sein Martyrium als Jugendlicher in dem KZ. Jahrzehntelang habe er über die schrecklichen Erlebnisse geschwiegen, sagt Emil Farkas den Richtern. Nun verlangt er vom 100-jährigen Angeklagten ein Schuldeingeständnis.

Im Prozess um die Massentötungen von Häftlingen im Konzentrationslager Sachsenhausen hat Emil Farkas, ein Überlebender des KZ, an den Angeklagten appelliert, seine Schuld einzugestehen. „Ist Ihnen ihr dunkles Geheimnis so viel wert, dass Sie sich nicht entschuldigen können für ihren Beitrag zu meinem Leid?“, fragte er am Donnerstag zum Ende seiner Zeugenaussage den 100-jährigen Angeklagten, der laut Anklage als Wachmann der SS in dem KZ von 1942 bis 1945 Beihilfe zum Mord an Tausenden Lagerhäftlingen geleistet haben soll. Der 92-jährige Farkas schilderte sichtlich bewegt den grausamen Lager-Alltag.

Menschen sind um uns herum verhungert, jeden Tag.“

Emil Farkas, Überlebender des KZ Sachsenhausen

„Wir hatten kaum etwas zu essen und wurden geschlagen, jeden Tag“, berichtete er. „Und Menschen sind um uns herum verhungert, jeden Tag.“ Es sei für ihn das erste Mal, dass er in einem öffentlichen Prozess darüber spreche, sagte er sichtlich bewegt. „Ich war stumm, jahrzehntelang.“ Denn es sei schwer darüber zu reden, bekannte Farkas. „Ich wollte das eigentlich alles vergessen, glauben Sie mir.“

Angeklagter bestreitet, überhaupt im KZ gewesen zu sein

dpa/Christophe Gateau
Der 100-jährige Angeklagte soll zwischen 1942 und 1945 im Konzentrationslager Sachsenhausen Beihilfe zur Ermordung von Tausenden Lagerinsassen geleistet haben.

Zu dem Angeklagten sagte der 92-jährige Nebenkläger aus Israel: „Sie haben mich im Schuhläuferkommando im Lager gesehen und Sie haben mich gehört, denn wir mussten beim Marschieren das Lied von „Erika“ singen“. Und: „Seien Sie mutig, wenigstens jetzt.“ Der Angeklagte reagierte darauf nicht. Am zweiten Prozesstag hatte er bestritten, überhaupt in dem KZ gewesen zu sein.

In einer von seinem Anwalt Thomas Walther vorbereiteten Aussage, die verlesen und übersetzt wurde, schilderte Farkas, wie er als Jude mit 15 Jahren aus der Slowakei gemeinsam mit seinem Bruder zu Weihnachten 1944 ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden war. Dort musste er in dem berüchtigten Schuhläuferkommando Sohlen für die deutsche Schuhindustrie testen.

Nicht jeder von uns, der morgens loslief, war abends noch am Leben.“

Emil Farkas, Überlebender des KZ Sachsenhausen

„Wir waren 170 Schuhläufer und mussten jeden Tag 40 Kilometer laufen und marschieren“, erinnerte sich Farkas. „Nicht jeder von uns, der morgens loslief, war abends noch am Leben.“ Menschen, die unter der enormen Belastung zusammenbrachen, seien sofort von SS-Wachleuten erschossen worden. Dies sei täglich passiert, sagte Farkas.

Farkas wurde zum Ende des Kriegs ins KZ Bergen-Belsen und dann ins KZ Dachau gebracht, wo er von amerikanischen Truppen befreit wurde. Auch sein Bruder und seine Eltern überlebten. Drei ältere Geschwister wurden dagegen im KZ Auschwitz ermordet. Seine Mutter habe ihm eine Botschaft mitgegeben, als sie bei der Deportation aus der Slowakei getrennt worden seien. „Halte durch, sei stark, wir sehen uns wieder“, habe sie gerufen. Sie überlebte das KZ Ravensbrück. „Der Satz meiner Mutter ist in Erfüllung gegangen“, sagte Farkas zu dem Angeklagten. „Die Herrschaft der Nationalsozialisten, der Sie freiwillig gedient haben, hat dagegen nichts ausrichten können.“

Das Verfahren vor dem Landgericht Neuruppin wird aus organisatorischen Gründen in einer Sporthalle in Brandenburg/Havel geführt. Am Freitag soll der Nachkomme eines KZ-Häftlings aus Frankreich gehört werden und der psychiatrische Gutachter, der die Verhandlungsfähigkeit des Angeklagten geprüft hatte.