Die Mütter Hope Bastian (l.) und Dachelys Valdés spielen mit ihrem Sohn Paulo in ihrer Wohnung in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Foto: dpa/Guillermo Nova

An einem regnerischen Tag spielt Paulo (1) in der Wohnung seiner Familie in Kubas Hauptstadt Havanna mit einem Ball und bunten Bauklötzen. Der Junge ist ein ganz normales Kind – und doch halten ihn viele für den jüngsten Revolutionär der sozialistischen Karibik-Insel. Denn die Regierung hat Paulo offiziell als Kubas erstes Kind mit zwei Müttern anerkannt. Das wirft ein Schlaglicht auf jüngste Entwicklungen in dem vermeintlich autoritären Staat: Die Bewegung für die Rechte von Homosexuellen ist auf dem Vormarsch. Kuba macht sich total „libre“ – total frei.

Die Geschichte von Paulo und seinen Müttern handelt aber nicht nur von der wachsenden Toleranz gegenüber lesbischen und schwulen Paaren. Sie ist auch ein Beweis für die internationale Öffnung des lange isolierten Landes. Paulos erste Mutter, die Psychologin Dachelys Valdés, stammt aus Kuba. Seine zweite Mutter, die Anthropologin Hope Bastian, kommt aus den kapitalistischen USA. Hochzeit 2017 in Florida, Wohnung in Kuba – alles möglich. 

„Wir wollten absolut offen über unsere Beziehung sein und uns nicht verstecken“, sagt Mutter Hope Bastian. Konkret sah das so aus, dass die beiden Frauen auf einer zweiten USA-Reise 2018 eine In-vitro-Fertilisation durchführen ließen. Nachdem Bastian den kleinen Paulo zur Welt gebracht hatte, kehrte die Familie nach Kuba zurück – und beantragte dort eine Geburtsurkunde mit einem Eintrag für zwei Mütter. Das lief reibungslos.   

Standesamt scheut keine Mühen

Für die Lösung eines kleinen technischen Problems ließ das Standesamt sogar einen Informatiker des Justizministerium herbeirufen. „Als ich ankam, war zwar alles fertig und genehmigt, aber die Urkunde hatte noch immer die Felder für Vater und Mutter“, erinnert sich Valdés. Kurzerhand änderte der Experte die Software des Programms – und fügte zwei Felder für „madre“ (Mutter) in das Dokument ein.

Dass homosexuelle Paare in Kuba immer weniger Diskriminierungen ausgesetzt sind, haben sie insbesondere auch Mariela Castro zu verdanken. Die Tochter des Ex-Präsidenten Raúl Castro und Nichte des Revolutionsführers Fidel Castro leitet das Nationale Zentrum für Sexualerziehung (Cenesex). Sie ist Kubas größte Vorkämpferin für die Rechte von Schwulen, Lesben und Transsexuellen. Und sie hat starke Verbündete in der Regierung. 

Über den aktuellen Präsidenten Miguel Díaz-Canel weiß man, dass er schon als junger Parteisekretär seine schützende Hand über den legendären Schwulen-Club „El Mejunje“ in Santa Clara hielt. Der Name bedeutet im Spanischen „Mixtur“, aber auch „Gesöff“. Der Laden hält sich seit mehr als 30 Jahren.  

Ende 2019 eröffnete mit dem „Grand Rainbow Muthu“ auf der vorgelagerten Insel Cayo Guillermo das erste Hotel in Kuba, das sich gezielt an homosexuelle Gäste wendet. Das Fünf-Sterne-Haus gehört zu einer indischen Hotelkette und wird vor Ort von „Gaviota“ betrieben – dem Tourismus-Unternehmen der kubanischen Streitkräfte.

Kuba toleranter als demokratische Nachbarn

Ganz klar: Wenn es um die Rechte von Homosexuellen geht, schneidet die sozialistische Karibik-Insel besser ab als demokratische Nachbarländer. Sexuelle Beziehungen zwischen Menschen gleichen Geschlechts gelten etwa in Barbados, Guyana und Jamaika weiterhin als Sodomie – und werden strafrechtlich verfolgt.

Doch auch in Kuba ist der Kampf für die Homosexuellen-Rechte noch lange nicht ausgefochten. Bei der Verfassungsreform 2019 sollte die „Ehe für alle“ rechtlich verbrieft werden. Doch am Ende ruderte die Regierung zurück. Evangelikale Gruppen befürchteten, eine Öffnung könne die Familie aus Vater, Mutter und Kind gefährden. In Havanna waren Plakate zu sehen, auf denen für das traditionelle Modell geworben wurde. „Es gibt konservative Bevölkerungsteile, die Mühe mit der Pluralität haben“, sagt Paulos kubanische Mutter Dachelys Valdés.

Aber im Grunde ist auch diese Gegenkampagne ein Beweis für die Liberalisierung der kubanischen Gesellschaft. Jahrzehntelang durfte in Kuba nur die Kommunistische Partei öffentlich für sich werben. Nun aber gibt es einen breit ausgetragenen Streit der Weltbilder.

Die aktuellen Entwicklungen sind für Kuba ein riesiger Schritt in Richtung „Cuba libre“. Die Staatsgründer um Fidel Castro hatten seinerzeit keinen Wert auf Minderheitenschutz gelegt – im Gegenteil. Nach ihrem Sieg 1959 wurden auch Homosexuelle in Straflager gesteckt. Durch harte Arbeit sollten die als „bourgeois“ geltenden Schwulen auf den rechten, sozialistischen Weg gebracht werden. 

Es kommt nur auf die Liebe an

Diese Zeiten sind zum Glück lange vorbei. Heute sagt Paulos amerikanische Mutter Hope Bastian: „Die Botschaft, die wir unseren Kindern vermitteln müssen, ist, dass die Familie ein Ort der Liebe ist, wo sie beschützt werden, wo sie lernen. Es hat nichts mit dem Geschlecht zu tun, sondern mit der Liebe, die wir einem Kind geben.“

Der kleine Paulo sitzt auf dem Boden der Wohnung in Havanna und schaltet immer wieder den Ventilator ein und aus. Er weiß noch nicht, welche revolutionäre Rolle er spielt. Vielleicht wird man ihm und seinen Müttern eines Tages ein Denkmal setzen – wie dem Revolutionär Che Guevara, der in Kuba fast als Heiliger verehrt wird.