Szene aus dem Dokumentarfilm „Uferfrauen“. Foto: Sunday Filmproduktions

Das vielleicht Tollste an diesem Film ist, dass man miterleben kann, wie sie ihr Begehren entdeckt haben. Damals, vor ungefähr 40 Jahren. Es ist ein Begehren, für das die sechs Frauen, die hier vorgestellt werden, kaum einen Namen hatten. Das lange tief in ihnen verborgen blieb, weil sie keine Vorbilder dafür hatten. Ein Begehren, dem sie sich erst bewusst werden konnten, als sie es erlebten. Eine war damals schon verheiratet. Ihr Begehren richtet sich auf Frauen.

Da ist Carola, die aus einem Elternhaus stammt, in dem viel gestritten wurde, die sich in eine Lehre als Rinderzüchterin flüchtete, weil sie im Dorf im Internat leben konnte – weit weg vom Zugriff von Mutter und Vater. „Die Jungs haben sich über die Lesbe im Nachbardorf unterhalten. Ich kannte den Begriff kaum, aber irgendwas war in meinem Bauch los. Herzrasen.“ Die Erinnerung lässt sie heute noch erstrahlen. Es ist ein großes Verdienst der Filmemacherin Barbara Wallbraun, dass Carola und die anderen sich bei ihr so geöffnet haben. Man begreift hier, wie sehr die eigene Sexualität mit Identität verbunden ist. Heterosexuellen, die viel weniger äußere Reibungsflächen haben, ist das oft gar nicht so bewusst.

Später erzählen Pat, Gisela, Christiane, Sabine und Elke. Die Kamera sucht sie zu Hause auf, im Wohnzimmer, im Garten. Sie begleitet sie auf Spaziergängen durch ihre Nachbarschaft, ob in Rostock, an einem Ostseestrand, entlang der Saale in Halle oder in Prenzlauer Berg. Man kommt an Orte, in Wohnungen der Vergangenheit und der Gegenwart. Man guckt in alte Fotoalben, leider viel zu wenig. Denn zu sehen sind vor allem Kinderbilder, aber kaum Aufnahmen aus der Zeit, um die es hier vor allem geht. Vielleicht, weil es sie kaum gibt.

Es ist eine Qual, von der Ablehnung mancher – nicht aller – Eltern und Menschen aus der Umgebung zu hören, vom Nicht-wissen-wohin-mit-Sich, im wahrsten Sinn des Wortes. Denn das lesbische Leben in der DDR, um das es diesem Film geht, wird sich im privaten Erleben und Entdecken nicht so sehr unterschieden haben von dem in der BRD. Was jedoch geschützte Räume angeht, Räume, wo man Gleichgesinnte treffen konnte, wie sie im Westen in den 1970er-Jahren allmählich entstanden, die waren im Osten rar. Lesben hatten noch nicht einmal den öffentlichen Raum für sich: die Park- und Straßenecken, an denen sich schwule Männer fanden. „Wo haben sich denn die Lesben in Rostock getroffen?“, fragt die Filmemacherin aus dem Off. Pat antwortet: „Ja, das hätte ich auch gern gewusst.“ Das Mekka ist die eine große Stadt, in der es nicht nur Anonymität gab, sondern eben doch auch ein paar Anlaufstellen: Berlin.

Treffpunkt für Schwule und Lesben: die „Busche“

Barbara Wallbraun verzichtet auf einen Kommentar und manches erschließt sich einem deshalb leider nur nebenbei. Oder auch beim Googeln hinterher. Dass etwa eine der Protagonistinnen, Christiane Seefeld, eine Schlüsselfigur der homosexuellen Szene in Ost-Berlin war. Sie etablierte in ihrer Wohnung den Sonntagsclub, in dem sich vor allem homosexuelle Männer trafen. Sie stand am Tresen in einem Mehrzweckgebäude an der Buschallee draußen in Weißensee – seit Anfang der 1980er-Jahre Treffpunkt für Schwule und Lesben. In der „Busche“ wurde getanzt. Sogar die Kirche öffnete sich.

Christiane Seefeld erzählt aber auch von den Verhaftungen und den Verhören durch die Stasi, zu denen sie immer wieder geholt wurde. Lesbengruppen standen unter Beobachtung, sie wurden als „feindlich-oppositionell“ eingestuft. Welche zersetzende Wirkung das gehabt haben muss! „Man wusste nie, ob nicht eine in der Gruppe IM ist“, sagt Carola, die sich in der Gethsemankirche in einem Gesprächskreis engagierte.

Und was die Gesetzgebung anging, so sah der seit 1968 neue Paragraf 151 eine Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren oder Verurteilung auf Bewährung für einen Erwachsenen vor, der mit einem Jugendlichen gleichen Geschlechts „sexuelle Handlungen vornimmt“. Anders als im Westen, wo ab 1973 fünf Jahre Gefängnis für schwulen Sex mit einem unter 18-Jährigen drohten, kriminalisierte der neue Paragraf im Osten erstmals auch Lesben. Carolas erste Affäre, die Lesbe aus dem Nachbardorf, musste ins Gefängnis, Pat bekam zwei Jahre Berufsverbot.

Uferfrauen – Lesbisches L(i)eben in der DDR Deutschland, Regie: Barbara Wallbraun, Dokumentarfilm, 121 Min., FSK: 12 . Am 6. September, 17.30 Uhr läuft im Kino Krokodil in Anwesenheit der Regisseurin und von Christiane Seefeld