Im Sport gebe es keine Kultur des Sprechens und Zuhörens über Gewalt, so die Kommission.
Foto: dpa/Uwe Anspach

Bei der sogenannten Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs haben sich seit einem Aufruf im vergangenen Jahr rund 100 Menschen mit Missbrauchserfahrungen im Bereich Sport gemeldet. Diese Zahl gab die Vorsitzende der Kommission, Sabine Andresen, am Dienstag in Berlin vor einer Diskussionsveranstaltung mit Vertretern aus Politik, Sport und mehreren Betroffenen bekannt.

Die Berichte der Betroffenen seien nicht repräsentativ, bildeten aber die ganze Bandbreite vom Breitensport bis zum Spitzensport ab. Andresen nannte Gewalterlebnisse aus den Bereichen Fußball, Judo oder Reiten. „Wir müssen von einer hohen Dunkelziffer ausgehen“, sagte sie. Es gebe im Sport bisher keine Kultur des Sprechens und des Zuhörens über Gewalt. Betroffene berichteten davon, dass die Tragweite sexuellen Kindesmissbrauchs eher verleugnet oder bagatellisiert werde. „Es ist wichtig, eine Kultur der Aufarbeitung zu etablieren“, so Andresen.

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Die Bundesregierung hatte die Expertenkommission 2016 eingesetzt, um Missbrauch in verschiedenen Bereichen aufzuarbeiten, etwa in der Familie, in Institutionen, im sozialen Umfeld und auch in Sportvereinen. Kern der Untersuchungen sind Anhörungen und Berichte von heute erwachsenen Betroffenen. Die Kommission soll Strukturen und Bedingungen aufdecken, die Missbrauch in der Vergangenheit ermöglicht und begünstigt haben, um daraus Lehren für die Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

Seit Beginn ihrer Arbeit wurden von der Kommission mehr als 1100 Betroffene angehört. In vielen Fällen können Täter nicht mehr belangt werden, weil sie nicht mehr ausfindig gemacht werden können oder weil Taten verjährt sind. Kindesmissbrauch ist laut Polizeilicher Kriminalstatistik weiterhin ein großes Problem. Im vergangenen Jahr wurden 13.670 Kinder als Opfer von sexuellem Missbrauch erfasst – das sind nur die angezeigten, also bekanntgewordenen Fälle. Die Dunkelziffer ist nach Einschätzung von Experten viel größer.