Ein Fleck in Pink: Das ist der thüringische Landkreis Hildburghausen an der Grenze zu Bayern. Foto: imago images/Rüdiger Wölk

Die Hügel im südliche Zipfel Thüringens, im etwa 63.000 Einwohner zählenden Landkreis Hildburghausen, wellen sich sanft – wie die Rundungen von Klößen. Die Menschen hier sprechen das weiche Fränkisch, das sehr wenig mit dem Erfurter Zungenschlag gemein hat. Hier wo jedes Dorf, jeder Ort, ja jedes Haus sein eigenes Rezept für Klöße und Festtagskuchen hat, wo Bratwurst Grundnahrungsmittel und Gelassenheit Pflicht sind, hat Corona so heftig eingeschlagen wie sonst nirgends in der Republik. Das RKI hat eigens eine neue Farbe in der Landkarte der Inzidenzen eingeführt. Hildburghausen trägt Pink.

579,1 Menschen haben sich, Stand Sonntag, gerechnet auf 100.000 Einwohner, mit dem Coronavirus infiziert. Besonders Hochzeiten, Geburtstage und Familienfeiern sollen das Infektionsgeschehen befeuert haben.

Nun muss man sich eine Geburtstagsfeier in Südthüringen nicht vorstellen wie eine Clan-Hochzeit in Neukölln. Dennoch beschlich auch uns, die Berliner Verwandtschaft, schon im Oktober ein leises Unbehagen, als wir zu einem runden Jubiläum eingeladen wurden. Als größere Feiern in Berlin längst undenkbar erschienen, war im ländlichen Thüringen noch einiges möglich. Schon zuvor hatte sich der Landeschef Bodo Ramelow mit einer freizügigeren Linie als anderswo immer wieder in die Schlagzeilen gehievt.

Fast menschenleer ist der Marktplatz mit dem historischen Rathaus. Im deutschlandweit am stärksten von der Corona-Pandemie betroffenen Landkreis Hildburghausen in Thüringen hat sich das Infektionsgeschehen noch einmal verschärft. Foto: Martin Schutt/dpa

In einem Saal eines Dorfgasthauses trafen wir uns. Etwa vierzig Personen wollten ein rundes Jubiläum feiern. Das war auch erlaubt. Doch als ein Streifenwagen vor der Gaststätte vorbei fuhr, hielten wir Hauptstädter kurz die Luft an. Die Beamten winkten den Kindern freundlich. Die Stuhlreihen an den langen Tafeln im Saal waren akkurat ausgerichtet, aber nicht auf Abstand gestellt.

Natürlich hatten wir die Masken eingesteckt. Am Eingang zum Tanzsaal hingen Schilder, die auf Abstandsregeln hinwiesen, eine Flasche Desinfektionsmittel stand bereit. Doch als nach und nach die Gäste eintrudelten, war schnell klar, dass wir hier mit Mundschutz die Einzigen sein würden. Verlegen nestelten wir an den Stofftüchern herum, ach lasst doch, sagte einer der Gäste. Wir sind doch in Familie.

Verschämt steckten wir die Masken in die Tasche, und spätestens als die Klöße aufgetan wurden, war alles fast wie immer.

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Nach dem Essen ist in diesem Teil Thüringens vor dem Essen und so blieb auch nach Klößen und Rouladen kaum Zeit, darüber nachzudenken, ob wir hier nicht gerade etwas unvernünftig sind. Das Party-Duo baute seine Musikanlage auf. Die Besucher aus Berlin versuchten, ab und an das Fenster zu öffnen, doch schnell mahnte jemand im freundlichen Singsang: „Mach's wieder zu, es zieht.“

Seitdem sind sieben Wochen vergangen. Wochen, in denen sich das Virus oft unbemerkt in der Fläche verteilt haben muss, um nun mit immer mehr entdeckten Fällen zutage zu treten. Die Intensivstationen im Kreis sind voll, Schulen und Kitas geschlossen.

In Hibu, wie die Ortkundigen die Kreisstadt Hildburghausen nennen, treffen sich die Protestler. Die Stimmung ist nach Morddrohungen gegen den Landrat und nach dem Einsatz von Pfefferspray gegen die Gegner der verschärften Maßnahmen gereizt. Ein Weihnachten ohne Klöße kommt trotzdem nicht infrage, sagen die Verwandten. Sie seien da ganz entspannt, im Dorf gibt es erst zwei Corona-Fälle. Wir seien ganz herzlich eingeladen.