Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich eines Kindergartens. (Symbolbild)
Kinderrucksäcke hängen im Eingangsbereich eines Kindergartens. (Symbolbild) dpa/Monika Skolimowska

Die Trennung von den Eltern kann bei dreijährigen Kindern sehr heftige Emotionen auslösen. Aus diesem Grund hat sich bei Kindertagesstätten das Modell durchgesetzt, neue Kita-Kinder und deren Eltern in die neue Situation einzugewöhnen. Die Eingewöhnungszeit kann wenige Tage oder auch Wochen betragen, je nachdem, wie leicht oder schwer das Kind mit der neuen Situation zurechtkommt. Ungewöhnlich ist jedoch, dass andere Eltern sich gegen ein Kind und deren Mutter wenden. So geschehen in einer Kita in Kassel: Kind und Mutter wurden offenbar wortwörtlich vor die Tür gesetzt. Die Mutter spricht von einem weiteren ähnlichen Vorfall in Berlin. Doch die Kita-Leitung widerspricht.

Mit vier Jahren soll Luca in die Kita, laut Mutter Leonie läuft die Eingewöhnung in dem sogenannten Elternladen harmonisch, die Integration des Kindes in die neue Gruppe habe gut funktioniert. Gegenüber der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen (HNA) sagt sie später, sie selbst habe versucht, „mich so gut es ging im Hintergrund zu halten“. Die Zeitung hat das Interview inzwischen von der Website genommen.

„Da ist die Tür“: Mutter und Kind wortwörtlich vor die Tür gesetzt

Dann passiert, für Leonie völlig unerwartet, das Unfassbare: Mutter und Kind werden laut Leonie vor die Tür gesetzt, und zwar wortwörtlich. Ihr sei nach zwei Wochen während des Kitabetriebs am Vormittag eine fristlose Kündigung überreicht worden. Man habe sie zusammen mit Luca mit den Worten „da ist die Tür“ aus der Kita geworfen. Leonie zitiert aus der Kündigung, es bestünden „nicht behebbare Auffassungsunterschiede“. Zwei Tage zuvor habe es ein Gespräch mit der pädagogischen Leitung der Kita gegeben. Dabei sei ihr schnell klar geworden, „dass die Person mit meiner trans* Weiblichkeit überfordert war“. Laut Leonie ist die Kündigung auf Initiative des Elternvorstandes zustande gekommen – sie ist überzeugt, dass ihre Transidentität ausschlaggebend gewesen ist, und sieht sich aufgrund dessen diskriminiert.

Im Interview spricht sie von Differenzen mit dem Elternvorstand der Kita und dass es darüber kein Gespräch mit ihr gegeben habe, wohl aber sei über sie gesprochen worden. Dennoch habe sie das Gespräch gesucht, ihr sei beschieden worden, sie sei „als Mama zu sichtbar in der Eingewöhnungsphase“ gewesen. Um Spannungen zu vermeiden, habe sie dann angeboten, dass die weitere Eingewöhnung ihre Partnerin übernehmen könne. Nach Rücksprache mit dem Elternvorstand habe die Kitaleitung die Kündigung jedoch aufrechterhalten und betont, die Entscheidung werde vom gesamten Vorstand getragen.

Streit um Kinderbücher mit schwarzen und queeren Menschen

Konflikte soll es während der Eingewöhnungsphase auch um Kinderbücher von Luca gegeben haben, in denen schwarze und queere Menschen vorkamen. Ihrer Partnerin habe man gesagt, dass solche Bücher „nicht ohne pädagogische Anleitung für Kinder zugänglich gemacht werden sollten“, was „für Leonie ebenfalls ein Ausdruck von Diskriminierung“ ist. Die Kinder hätten vorurteilsfrei auf die Bücher reagiert und aufmerksam zugehört, Probleme mit den Darstellungen hätten nur Erwachsene.

Nach dem Vorfall habe sich Leonie in Therapie begeben müssen, um das Erlebte zu verarbeiten, ihre Partnerin habe sich in eine Kur begeben. Luca könne nicht verstehen, warum sie aus der Kita geworfen wurden. Inzwischen habe sie eine Anwältin beauftragt, die zunächst erfolglos um ein weiteres Gespräch mit der Kita nachgesucht habe. Eine weitere Anwältin will die Kündigung anfechten. Dass mit trans Personen so umgegangen werde, sei kein Einzelfall, einen ähnlichen Vorfall hat es laut Leonie in Berlin gegeben.

Kita-Vorstand widerspricht Darstellung der Mutter – und erhebt Vorwürfe

Inzwischen hat der Kita-Vorstand der Darstellung der Mutter deutlich widersprochen: Im Cicero heißt es nun, deren Verhalten habe ihr gar keine andere Wahl gelassen als eine fristlose Kündigung. Sie habe Kindern aus für deren Alter ungeeigneter Literatur vorgelesen, die „jedem modernen pädagogischen Konzept in dieser Phase komplett widersprechen“. Als Beispiel wird ein Aufklärungsbuch genannt, in dem Genitalien erklärt werden. Auch habe es unter anderem Auseinandersetzungen zwischen Leonie und einer Kindergärtnerin gegeben. „Sämtliche Erzieherinnen sind nach einigen Tagen nur noch mit Bauchschmerzen zur Arbeit gekommen, weil sie sich permanent beobachtet fühlten und Angst hatten, etwas verkehrt zu machen“, zitiert Cicero aus einer Stellungnahme des Vorstands. Deshalb sei dem Vorstand keine andere Wahl geblieben „als zu sagen: Wir führen diese Sache nach 14 Tagen nicht weiter“.