In deutschen Läden wird nur einer von vier Einkäufen mit Karte oder Handy bezahlt. Foto: imago images/photothek

Wer noch zu Jahresbeginn beim Bäcker vier Schrippen kaufte und das „macht eins-vierundvierzig“ der Verkäuferin mit dem Zeigen einer EC-Karte beantwortete, riskierte wenigstens böse Blicke, oft eine Absage. Denn Plastikgeld war insbesondere im Backwaren-Fachhandel so unüblich wie der Umtausch einer Käsetorte. Doch seit Corona ist das anders. Die Bäckerei-Kette Steinecke etwa, die in Berlin und Umland mehr als 200 Filialen betreibt, hat den bargeldlosen Zahlungsverkehr in den vergangenen Monaten offensiv vorangetrieben. Mittlerweile werden in einigen Bäckereien des Unternehmens fast 40 Prozent der Einkäufe mit Karte oder Handy bezahlt. Ganz selbstverständlich.

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Horst Rüter überrascht das nicht. „Die pandemiebedingte Krisensituation hat zu einem außerordentlichen prozentualen Wachstum kartengestützter Zahlungssysteme geführt“, sagt er. Rüter ist Chef des Forschungsbereichs Zahlungssysteme am wissenschaftlichen Institut EHI des Handels in Köln. Seinen Berechnungen zufolge wird der Anteil des Bargelds an den deutschen Einzelhandelskassen wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr um fünf Prozentpunkte zurück­gehen, der Umsatzanteil sogar noch etwas mehr. Rüter ist überzeugt: „Das Jahr 2020 wird als das wachstumsstärkste Jahr für unbares Bezahlen in Deutschland seit über zwei Jahrzehnten eingehen.“

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: EHI

Wenngleich die Deutsche Bundesbank bereits im März klarstellte, dass Viren nicht über Bargeld verbreitet werden könnten, bescherten vor allem hygienische Gründe dem kontaktlose Bezahlen an der Ladenkasse einen Aufschwung. Schließlich muss man die EC- oder Kreditkarte nur vor das Lesegerät halten. Bei geringen Beträgen ist nicht einmal die Eingabe der PIN nötig. Auch andere elektronische Methoden wie Apple Pay oder Google Pay haben davon profitiert. In einer Umfrage der Europäischen Zentralbank in den Euroländern im Juli 2020 gaben vier von zehn Befragten an, seit Beginn der Pandemie seltener Bargeld verwendet zu haben. Fast 90 Prozent derjenigen, die in der aktuellen Krise häufiger auf den Gebrauch von Scheinen und Münzen verzichten, wollen dies nach der Pandemie beibehalten.

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Dennoch steht die Nation in Sachen Zahlungsverkehr nicht gerade vor dem digitalen Umbruch. Vielmehr wurde durch Corona ein bislang zäher Aufholprozess beschleunigt. Tatsächlich lieben innerhalb der EU nur die Malteser, Spanier und Zyprioten das Bargeld noch mehr als die Deutschen. Das ist das Ergebnis einer Studie, die die Europäische Zentralbank in 19 EU-Ländern durchgeführt hat. Demnach werden hierzulande noch immer  77 Prozent der Transaktionen im Handel mit Bargeld abgewickelt, womit Deutschland im europäischen Vergleich über dem Durchschnitt liegt. Die Niederländer zahlen inzwischen nur noch 34 Prozent ihrer Einkäufe mit Scheinen und Münzen.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: EHI

Allerdings geht es seit einigen Jahren auch in Deutschland voran. Nach Analysen der EHI-Forscher wurden im hiesigen Einzelhandel im vergangenen Jahr Waren im Wert von rund 225 Milliarden Euro bargeldlos bezahlt. Das waren 15,5 Milliarden Euro mehr als im Jahr zuvor und 50,5 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes. Beim Umsatz hat die Karte also das Bargeld bereits überholt, während zugleich die bargeldlos bezahlten Beträge immer kleiner werden. Im vergangenen Jahr lag der Kassenbetrag, der per Karte oder Handy beglichen wurde, bei durchschnittlich 40,85 Euro.

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Corona befeuert die Entwicklung laut EHI-Forscher Rüter vor allem im Lebensmitteleinzelhandel. Dort werde der Umsatzanteil von Bargeld bei Lebensmittel-Discountern in diesem Jahr von 56,2 auf 46 um gut zehn Prozentpunkte schrumpfen. Die großen Supermarktketten erwarten in diesem Jahr einen Rückgang des Bargeldanteils am Umsatz auf unter 40 Prozent.

Inzwischen hat das EHI seiner Vorjahresprognose korrigiert. Nun geht man davon aus, dass der Kartenanteil durch die coronabedingte Veränderung des Verbraucherverhaltens bis zum Jahr 2022 auf 58,1 Prozent steigen wird. Bei Kleinbeträgen sieht das Forschungsinstitut des Handels allerdings auch künftig das Bargeld vorn. Jedenfalls gehen drei Viertel der befragten Handelsunternehmen davon aus, dass Beträge bis zehn Euro auch in fünf Jahren noch vor allem bar bezahlt werden. Die kontaktlose Zahlung mit Karte oder Handy sieht im Jahr 2025 indes nur jedes sechste Händler als vom Kunden bevorzugt an.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: EHI

Tatsächlich ist das Zahlen mit Karte zwar praktisch, aber es hat mitunter auch seinen Preis. Das Verbraucherportal Biallo hat sich die Konditionen von über 800 regionalen Banken und Sparkassen genauer betrachtet und festgestellt, dass etwa jedes zweite Geldinstitut für Kartenzahlung eine Gebühr verlang. Im Schnitt sind es 34 Cent pro Zahlung.

Auch die Berliner Sparkasse, mit 1,3 Millionen Privatgirokonten Marktführer in der Stadt, kassiert. 30 Cent werden dort pro Zahlung erhoben, wie in der Zentrale am Alexanderplatz bestätigt wird. Allerdings sei dies nur beim Girokonto namens „Individual“ der Fall. Beim eingangs geschilderten Brötchenkauf würden dann also nicht 1,44 Euro, sondern 1,74 Euro  vom Konto abgebucht und der Schrippenpreis im Hintergrund auf 43 Cent angehoben. Sollte man wissen.