Das Piusheim war bis 2006 ein katholisches Heim für schwererziehbare Kinder. dpa/Steffen Heinemann

Baiern - Massiver sexueller Missbrauch, Gewalt, Prostitution und mitten drin mal wieder die katholische Kirche: Schwere Vorwürfe rücken ein ehemaliges Heim für schwer erziehbare Jungen ins Visier der Justiz – und bringen die Kirche und ihre Aufklärungsarbeit einmal mehr unter Druck.   

Die Staatsanwaltschaft München II hat Vorermittlungen eingeleitet gegen einen früheren Erzieher des ehemaligen Jugenddorfes Piusheim in Baiern in der Nähe von München und einen damals angehenden Priester. Hintergrund der Ermittlungen sind Vorwürfe massiven sexuellen Missbrauchs, die im Rahmen eines anderen Prozesses bekannt wurden: Ein 56-Jähriger, der selbst wegen schweren Missbrauchs an kleinen Kindern angeklagt ist, hatte vor Gericht angegeben, in seiner Kindheit und Jugend unter anderem im Piusheim von mehreren Männern missbraucht worden zu sein. 

Bewohner des Piusheims erhängten sich

Er schilderte Entsetzliches, sprach von Prostitution, von „Anschaffen“ und „Sexpartys“. „90 Prozent der Jungen gingen am Wochenende los und beklauten die Dorfbewohner, 10 Prozent fuhren zum Anschaffen nach München.“ Zwei seiner Freunde hätten sich erhängt - einer davon in der Dusche mit einem Schal der Fußballvereins 1860 München. Auch er selbst habe schon als Kind versucht, sich das Leben zu nehmen. 

Belegen lassen sich diese Vorwürfe derzeit noch nicht. „Ob die Angaben sich als belastbar erweisen und ob schließlich eine strafrechtliche Ahndung erfolgen kann, kann noch nicht gesagt werden“, betont Staatsanwältin Karin Jung. Das Erzbistum München-Freising bestätigt allerdings, dass im Zusammenhang mit der 2006 geschlossenen Einrichtung seit 2010 neun Verdachtsfälle wegen sexueller Übergriffe oder körperlicher Gewalt gemeldet wurden. Alle Fälle ereigneten sich nach Angaben der Katholischen Jugendfürsorge von den 1950er Jahren bis Mitte der 1970er. Die Jungen, die im Piusheim als „schwer erziehbar“ betreut wurden, waren zwischen 6 und 18 Jahre alt, die meisten älter als 14.

Katholische Kirche zahlte bereits an Opfer

In zwei Fällen seien sogar bereits „Zahlungen zur Anerkennung des Leids“ geleistet worden, sagt Bistumssprecher Christoph Kappes. Einmal sei es um einen Priester gegangen, den das mutmaßliche Opfer aber nicht namentlich benennen konnte. Die Vorwürfe seien so glaubhaft gewesen, dass das Bistum trotzdem zahlte. In einem zweiten Fall habe die Katholische Jugendfürsorge die Zahlung übernommen, weil es sich beim mutmaßlichen Täter nicht um einen Priester, sondern um einen Erzieher handelte.