In Großbritannien müssen nun die Kalorienangaben auf der Speisekarte dabeistehen. dpa/Michael Kappeler

Es ist der simpelste Trick zum Abnehmen: Wer Gewicht verlieren will, muss „einfach“ jeden Tag ein paar Kalorien mehr verbrennen, als er zu sich nimmt – ohne dabei auf wichtige Nährstoffe zu verzichten. Doch um zu wissen, wie viel Kalorien man zu sich nimmt, muss man einiges auf sich nehmen: Portionen abwiegen, Kalorien zählen, zusammenaddieren und dann mit dem Grundumsatz und den Aktiv-Kalorien verrechnen. Zwar gibt es inzwischen Apps dafür, aber ums Wiegen wird man nicht herumkommen.

Wer also nicht an der Umständlichkeit dieser Methode scheitert, wird spätestens beim Besuch eines Restaurants vor große Probleme gestellt. Denn dort kann man nur schätzen – und das geht meist in die Hose. In England ist das seit einigen Wochen aber anders. Zum April führte die Regierung ein, dass große Ketten Kalorienangaben in Speisekarten sichtbar machen müssen. Damit soll dem grassierenden Übergewicht der Kampf angesagt werden. Wäre diese Regelung auch etwas für Deutschland? Gegner machen bereits mobil!

Bundesministerium prüft britische Regelung

Eine, die immer ganz vorn mit dabei ist, wenn es darum geht, das beim Essen alles beim Alten bleibt, ist die Grüne Europaabgeordnete Sarah Wiener. „Ich habe das Gefühl, bei derartigen Vorschlägen wird immer noch so getan, als wären Menschen Otto-Motoren: Kraftstoff rein, Energie raus. Ernährung ist aber wesentlich komplexer.“

Dennoch wird das britische Modell aktuell im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) geprüft, wie eine Sprecherin mitteilt. Noch müssten aber die rechtliche Umsetzbarkeit und die praktischen Aspekte für Unternehmen und Verbraucher untersucht werden. „Eine Bewertung kann deswegen zu diesem Zeitpunkt noch nicht erfolgen“, so die Sprecherin.

Anders als im Lokal sind in Deutschland die Pflichten für den Handel bereits eingeführt: Essen in Fertigverpackungen wird im Laden mit Kalorienangaben ausgezeichnet. Egal ob Chips, Quark oder Marmelade, auf der Ware stehen meist klein gedruckt die Nährwertangaben. Diese Pflicht ist Teil der Lebensmittelinformationsverordnung der Europäischen Union (EU).

Die Verbraucher sollen damit die Chance haben, bewusst auszuwählen. Das wiederum soll helfen, Übergewicht, Adipositas (Fettleibigkeit) und andere Krankheiten wie Diabetes in der Gesellschaft zurückzudrängen. Dieses Argument spielte auch in England bei der neuen Speisekarten-Regel eine Rolle.

In Deutschland sind zwei Drittel der Männer übergewichtig

In Deutschland stufen Fachleute rund zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen als übergewichtig ein. Zugleich sind Kalorienangaben in Lokalen bisher freiwillig – und selten. Einige Ketten nennen sie zum Beispiel in ihren Internetauftritten. Verbraucher können sich damit vor dem Besuch schlaumachen: Ein Big Mac von McDonald’s hat rund 500 Kilokalorien, wie man dort lesen kann. In einem Block-House-Restaurant kommt ein Mr. Rumpsteak ohne Beilagen demnach auf etwa 350 Kilokalorien. Für Erwachsene gilt, stark vereinfacht, ein Bedarf um die 2000 Kilokalorien am Tag als Regel.

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Dehoga gegen Kennzeichnungspflicht

Freiwillige Netz-Infos sind das eine – ein gesetzlicher Zwang zu Energiewerten auf Karten wäre aus Sicht des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) der falsche Weg. „Der Dehoga spricht sich deutlich gegen die verpflichtende Angabe von Kalorien auf Speisekarten in heimischen Restaurants aus“, stellt Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbandes, klar.

Für sie ist das Konzept kein geeignetes Mittel im Kampf gegen Übergewicht. „Das alleinige Zählen von Kalorien ersetzt keine ausgewogene gesunde Ernährung und Bewegung“, führt Hartges aus und verweist auf die Mehrarbeit für Lokale, die nun für alle Gerichte die Kalorien berechnen müssten, auch für täglich wechselnde Gerichte.

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Ähnlich argumentiert Antje Gahl, Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung in Bonn: „Kalorienangaben auf Speisekarten stehen aus unserer Sicht nicht im Fokus, wenn es um gesunde Ernährung geht.“ Das Zählen der Energiewerte könne wichtig sein, wenn stark übergewichtige Menschen im Rahmen einer Therapie gezielt Kalorien reduzieren müssten. Aber im Alltag, auch beim Restaurantbesuch, zähle ein viel breiteres Verständnis, etwas Gesundes zu essen: Es gehe um Genuss, Geschmack, Qualität, Frische, Vielfalt, Ausgewogenheit, Freude beim Essen in angenehmer Atmosphäre.