Janis McDavid auf Reisen. Janis McDavid/Sven Hasse

Der Berliner kam ohne Arme und Beine zur Welt, arbeitet heute als Coach für Lebensfreude. Gerade in Zeiten der Corona-Krise ist der 28-Jährige gefragter denn je – vor allem seine Generation kommt schwer mit der Krise zurecht.

Wie alt muss man sein, um die größte Krise seines Lebens zu erleben?

Janis McDavid war acht Jahre alt. Er saß auf dem Fußboden im Hausflur und schaute, wie so oft, in den Spiegel. Diesmal   hielt er schockiert inne.

Er sah, was an seinem Körper fehlte.

Janis McDavid beschreibt diese Situation von damals sehr nüchtern. Wie er, der kleine Junge, das erste Mal wahrnahm, dass er ohne Arme und Beine lebt.

„Ja, das war meine größte Krise, es hat mich damals komplett aus der Bahn geworfen“, sagt er heute: „Jahrelang habe ich danach einen Kampf gegen mich und meinen Körper geführt.“

Bis er mit 17 Jahren erschöpft aufgab, weil der Kampf ihm jegliche Energie raubte. Und er sich vornahm, mit seinem Körper und sich endlich glücklich zu werden.

Er will anderen Mut machen

Janis McDavid ist heute 28, er hat Wirtschaftswissenschaften an der Uni Witten/Herdecke studiert. Seit Jahren arbeitet er als Coach für Lebensfreude. Er beschreibt sich auf seiner Homepage als Muntermacher sowie Weltreisender. Als er 2018 den Internationalen Speaker Slam in Hamburg gewann, lobte ein Laudator:   „McDavid redet nicht nur über Motivation. Seine unbändige Neugier und sein Schaffensdrang sind beeindruckend und vorbildlich.“

Janis McDavid auf der Bühne.
Janis McDavid/Sven Hasse 

Janis McDavid will seine Zeitenwende anderen mitteilen, um Mut zu machen. Wie er damals seine Situation erst einmal akzeptieren musste, seine Einstellung dann änderte, um sich, letztendlich so wie er war, lieben zu können.

Er sagt sofort zu, als wir mit ihm über die durch Corona bedingte Zeitenwende reden möchten. Er sitzt seit Wochen in Berlin im Homeoffice, hat sich technisch aufgerüstet, um auch online coachen zu können. Inzwischen läuft es bei ihm wieder. „Ich erfinde mich halt täglich neu!“, sagt er.

Meine Generation trifft Corona hart

Janis McDavid

Corona hat ihn anfangs allerdings auch aus der Bahn geworfen. „Meine Generation trifft es hart. Ich war natürlich frustriert und niedergeschlagen, weil es nur noch Absagen hagelte. Ich brauchte Zeit, um mich wieder aufzuraffen.“

Gelähmt habe er sich gefühlt. Das Gute: Er schlief plötzlich aus, las unendlich viele Bücher und sonnte sich auf dem Balkon. Aber er starrte auch auf vier Wände. „Sonst war ich ja immer auf Reisen, lebte zeitweise nur aus dem Koffer.“

Janis McDavid schreibt gerade sein zweites Buch

Janis McDavid ist 1991 in Hamburg geboren. Im Kreißsaal bricht an jenem Tag Hektik aus. Die Geburt ist für Mutter und Kind schwer. Als er endlich auf der Welt ist, ist alles auf den Kopf gestellt. „Ich schrie nicht nur ohrenbetäubend und sollte diese Fähigkeit noch lange behalten, nein, ich sah schlicht anders aus.“ Er habe seinen Eltern einen „schönen Streich gespielt“. So hat er es vor drei Jahren in seinem Buch „Dein bestes Leben. Vom Mut, über sich hinauszuwachsen“ (Herder; 19,99 Euro) beschrieben. An seinem zweiten Buch schreibt er gerade: Es geht um Selbstwert und Selbstliebe.

Woran es lag, dass Janis McDavid so zur Welt kam, ist medizinisch bis heute nicht geklärt. Fragt man ihn, zuckt er mit den Schultern. „Ich will es aber auch gar nicht wissen. Es ändert doch eh nichts.“ Zu oft habe er sich das Gehirn zermartert.

Heute sieht er es so: „Man könnte wohl sagen, ich entspreche nicht dem klassischen Schönheitsideal.“ Aber er habe nicht das Gefühl, „inkomplett zu sein“.

Seine leiblichen Eltern sind damals überfordert, Versorgung und Prognose ihres Babys sind unklar; sie suchen für Janis ein neues Zuhause. Er wächst bei einer neuen Familie in Bochum auf.

Vierzehn Monate ist Janis damals alt.

Groll gegen seine leiblichen Eltern empfindet er bis heute nicht. Er habe eine unbeschwerte Kindheit gehabt, sagt er. „Ich habe das Glück, doppelt mit Eltern ausgestattet zu sein.“

Es ist lehrreich, sich mit Janis McDavid zu unterhalten.

Plötzlich ist alles nicht mehr so grau, fad und belastend in diesen Corona-Zeiten, der Kollege oder sonst eine Situation nicht mehr so nervig, sogar das trübe, wechselhafte Wetter ist akzeptabel. Die eigenen Schwarzmalereien und Unsicherheiten treten ein wenig in der Hintergrund.

Plötzlich wirkt alles lösbar. In Etappen, aber irgendwann geht es weiter. Janis McDavid nickt: „Ich finde es zurzeit etwas schwierig, wenn Menschen sagen, man müsse die Krise nutzen und gestärkt daraus hervorgehen.“

Erst einmal müsse man sich mit der neuen Zeit und diesem Virus arrangieren. „Es ist ganz normal, wenn Menschen in einem Schockzustand verharren. Bei dem einem dauert es länger, bei dem anderen weniger lange. Erst danach kann man es annehmen und sich neu ordnen.“

Gerade für seine Generation sei es ein Umbruch. „Für uns ist es die erste tief greifende Krise. Wir haben weder den Mauerfall erlebt, und für 9/11 waren wir zu jung. Wir haben es zwar mitbekommen, aber es hat uns nicht unmittelbar betroffen. Daher sind viele in meiner Generation nun in den Grundfesten erschüttert. Wir sind es doch gewohnt, alle Freiheiten dieser Welt zu haben.“

Freiheit ist ein hohes Gut

Freiheit – sie ist ein hohes Gut und gewinnt gerade in Corona-Zeiten an Bedeutung. Vielleicht schätzen viele das danach mehr? „Ich glaube, dass es uns guttut, mal innezuhalten. Gerade die Jungen konnten doch bislang alles machen, was sie wollten. Die Möglichkeiten schienen unbegrenzt und selbstverständlich. Jeder konnte studieren, für 30 Euro in die Welt jetten. Wer weiß, vielleicht wird all das nach der Krise mehr wertgeschätzt. Die Frage ist nur, ob das ein lang- oder ein kurzfristiger Prozess ist.“

In einem aber ist er sich sicher: Die Corona-Krise brenne sich als kollektives Erlebnis in unseren Köpfen ein. Und er hofft, dass es endlich eine Balance gibt, eine Mitte. „Es gibt so extreme Positionen, die einen wollen den Lockdown noch mindestens ein Jahr lang beibehalten, andere sprechen von den schlimmsten Verschwörungen. Das ist eine Entwicklung, die man nicht unterschätzen sollte. Ich betrachte das mit viel Sorge.“

Er wundere sich, wie viele Menschen sich von mitunter abstrusen Geschichten verängstigen ließen. Findet es absurd, dass viele anscheinend gar nicht mehr diese ganzen angeblichen Wahrheiten überprüfen, obwohl einem zahlreiche Informationen im Netz zur Verfügung stehen.

„Ich lerne Menschen plötzlich ganz anders kennen. Leider zieht Angst immer mehr als alles andere.“

Er konsumiert inzwischen kaum noch Nachrichten.

Janis McDavid wiegt 30 Kilo, so schwer sind sein Kopf und sein Oberkörper. Seine „High Heels“ sind sein   Rollstuhl, jüngst erst kaufte er sich einen neuen, den muss er später, nach unserem Interview, noch aus der Reparatur abholen. Er fährt mit dem Auto hin, auch das hat er sich umrüsten lassen.

Mit 19 Monaten bekommt er seinen ersten elektrischen Rollstuhl, „sein Paar Schuhe“. So klein und schmächtig er ist, seine Stimme ist im Kindergarten oft die lauteste. Er grinst: „Meine Spielkameraden lernten schnell, dass ich mich zwar nicht körperlich wehren konnte, Worte aber eine ähnlich harsche Wirkung haben können.“

Seine Bochumer Eltern stärken ihn, lassen ihn vieles alleine machen. Janis lernt, ohne Hände zu schreiben, zu essen und zu trinken. Sein Mund ersetzt die Finger. Er besucht eine Waldorfschule, spielt das Waldhorn und will als Junge Motorradpolizist werden. Bis er sich vor dem Spiegel das erste Mal wahrnimmt.

„Die nächsten Jahre waren, wie gesagt, sehr selbstzerfleischend.“ Als Jugendlicher schämt er sich vor Fremden für seine Art, Treppen hochzuhüpfen. Er vermeidet es, sich ohne Rollstuhl zu zeigen. Prothesen sollen seinen Körper „normal“ aussehen lassen, damit die Menschen ihn nicht anstarren oder aus Verlegenheit die Straßenseite wechseln. Er stößt oft an seine Grenzen – auch auf Barrieren im Alltag und in der Gesellschaft.

„Ich habe gelernt, Situationen wie diese zu ignorieren. Wenn etwas meinem Selbstwertgefühl gefährlich werden könnte, blende ich es aus, ich rede auch nie schlecht über mich“, sagt er.

Janis McDavid mit einem Freund in Peru.  Janis McDavid/Sven Hasse

Trotzdem wünsche er sich manchmal, „dass die Dinge einfach nur einfacher sind“. Er lächelt: „Ich könnte mich über vieles aufregen. Aber es würde mich nicht weiterbringen.“ Oft erzählt er in seinen Motivationsvorträgen, für die er weltweit gebucht wird, dass Selbstreflexion wichtig sei, sich immer wieder zu hinterfragen. Die inneren und äußeren Grenzen zu überwinden. „Und zwar konstruktiv, nicht destruktiv.“ Auch wenn nicht immer alles rund laufe. Und was ist für ihn ganz schlimm? „Jammerei. Entweder man ändert was, lässt etwas hinter sich oder nimmt es an. Aber sich ewig zu beklagen, bringt gar nichts.“

Jeder könne etwas aus seinem Leben machen. „Wenn wir lernen, die kleinen Dinge auf die richtige Art und Weise zu betrachten, können wir auch große Projekte anpacken.“

Als er mit seinen Berliner Freunden vor zwei Jahren nach Peru reiste, sie ihn im Rucksack die Anden hoch in die heilige Inka-Stadt Machu Picchu trugen, spürte er ein Gefühl von Freiheit und des grenzenlosen Mutes. „Es war eine wohltuende Selbstbestimmung.“ Die Corona-Krise nehme ihm das. „Aber bald reise ich wieder.“