Mit einem Feuerwerk auf dem Opernhaus am Theaterplatz feierten die Chemnitzer Oktober 2020 die Ernennung als Kulturhauptstadt 2025. Chemnitz wird Deutschland als europäische Kulturhauptstadt 2025 vertreten. Foto: dpa/Jan Woitas/dpa-Zentralbild

Die Vorwürfe sind umfangreich: In einem Aufmacher im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung vom Freitag legt der Autor Uwe Ritzer den Verdacht nahe, die Stadt Chemnitz habe sich den Titel als „Kulturhauptstadt Europas 2025“ mit fragwürdigen Mitteln erschlichen. Im Oktober entschied eine internationale Jury über die Kulturhauptstadt Europas 2025. Chemnitz wurde ausgewählt und konnte sich gegen die Mitbewerber Dresden, Gera, Hannover, Hildesheim, Magdeburg, Nürnberg und Zittau durchsetzen.

In dem Text heißt es, dass die Vergabe intransparent vollzogen worden sei. „Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung agiert dabei bis in die Jury hinein ein internationales Friends-and-Family-Netzwerk, dessen Machenschaften an Organisationen wie IOC oder Fifa erinnern.“ Die SZ kritisiert Seilschaften zwischen der Jury und gut verdienenden Experten, die auch von der Stadt Chemnitz gebucht worden seien und über unlautere Verbindungen zu Jurymitgliedern verfügten. Die Zeitung spricht von „geradezu grotesken Interessenskonflikten“.

Die SZ kritisiert Seilschaften zwischen der Jury

Die Vorwürfe richten sich vor allem gegen den Unternehmer Mattijs Maussen. Der Kulturmanager habe 18 von 22 Kulturhauptstädten beraten, die in den Jahren 2015 bis 2025 gewonnen hätten. Es wird angedeutet, dass Mattijs Maussen geschäftliche Beziehungen mit einem der zwölf Jurymitglieder unterhalte, dem Tschechen Jiří Suchánek.

Die Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe in der SZ. Die Pressestelle der Stadt Chemnitz wollte eine Anfrage der Berliner Zeitung nicht kommentieren. Ein Gegenvorwurf steht trotzdem im Raum. In Chemnitzer Kreisen wird jetzt gemutmaßt, dass der Autor der Süddeutschen Zeitung eine Neiddebatte lostreten wolle, weil er selbst aus Franken stamme und enttäuscht sei über die verpasste Bewerbung der Stadt Nürnberg, wo er als Franken-Korrespondent arbeite. Ein Gesprächspartner, der anonym bleiben möchte, wies die Berliner Zeitung darauf hin, dass das Engagement von erfahrenen Beratern zur Bewerbungspraxis dazugehöre. Andere Städte würden ähnliche Wege gehen. Das Vergabeverfahren könne man generell kritisieren. Chemnitz treffe aber keine Schuld.

Fest steht, dass 2020 mit Essen und dem Ruhrgebiet eine westdeutsche Kulturhauptstadt bzw. Region ausgewählt wurde. Also standen die Chancen für Chemnitz, Magdeburg und Zittau gut. Chemnitz leidet unter einem schlechten Image nach den Ausschreitungen von 2018, die Wahl lässt sich also gut begründen. Darauf legte auch Peter Jungblut, ein Kommentator des Bayerischen Rundfunks, sein Augenmerk. Er schrieb: „Tatsächlich erscheinen die Vorwürfe der Süddeutschen nicht in in jeder Hinsicht plausibel und nachvollziehbar, weil Chemnitz unter Beobachtern seit Jahren als Favorit galt und irgendwelche Mauscheleien demnach gar nicht nötig waren.“