Bald zu viert: Zwei Mütter mit ihrer Tochter tanzen in ihrer Wohnung (Symbolfoto). imago images/MASKOT

In Deutschland adoptieren deutlich weniger Paare ein Kind als noch vor einem Vierteljahrhundert. So hat sich die Anzahl der Adoptionen innerhalb von 25 Jahren mehr als halbiert. Während viel weniger Jungen und Mädchen aus dem Ausland adoptiert werden, steigt der Anteil der Stiefkindadoptionen. Was sind die Ursachen hierfür und wie hat sich der Umgang mit Adoptionen über die Jahre entwickelt?

Anruf bei Iris Egger-Otholt in Mainz. Die 54-Jährige ist Leiterin der Gemeinsamen Zentralen Adoptionsstelle Rheinland-Pfalz und Hessen. „Vor allem im Bereich der internationalen Adoptionen gibt es einen drastischen Rückgang“, sagt die Expertin. Die Gründe hierfür seien vielfältig – und sowohl im Herkunftsland als auch in Deutschland zu finden.

Ein wichtiger Aspekt hierzulande sei der Fortschritt in der Reproduktionsmedizin. „Viele haben heute einfach deutlich bessere Möglichkeiten, ein eigenes Kind zu bekommen.“ Nach Angaben des Deutschen IVF-Registers in Düsseldorf steigt die Zahl der künstlichen Befruchtungen stetig. Gab es 2019 in den Kinderwunschzentren bereits über 110.000 Behandlungen, waren es 1994 lediglich rund 23.700.

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Adoptivkinder werden wieder vermehrt im Herkunftsland vermittelt

Aber auch im Ausland habe sich die Lage verändert. So werde zunehmend versucht, die Adoptivkinder im Herkunftsland zu vermitteln, sagt Egger-Otholt. „Das ist ja auch sinnvoll, da ihnen die Kultur, die Sprache, das Land und die Religion erhalten bleiben.“

Umfassend neu geregelt wurde die Adoption von Kindern durch das sogenannte Adoptionshilfegesetz, das am 1. April in Kraft trat. Seitdem ist es beispielsweise ausdrücklich verboten, Kinder im Ausland zu adoptieren, wenn dieses Verfahren nicht durch eine offizielle Vermittlungsstelle begleitet wird. „Dass jemand mit einer Tasche Geld in ein ausländisches Waisenheim fährt und sich ein Kind aussucht, das darf es heute nicht mehr geben“, sagt Egger-Otholt.

dpa/Sebastian Gollnow
Iris Egger-Otholt, Leiterin der zentralen Adoptionsvermittlung für Hessen und Rheinland-Pfalz, steht im Archiv, in dem die Akten von Adoptionsverfahren liegen.

Jede Auslandsadoption sei eine Einzelfallarbeit, so die Expertin. „Wir schauen individuell auf jedes Kind mit seinen Bedürfnissen, um die richtige Familie zu finden.“ Adoption sei kein Massengeschäft.

Aber wie sieht die Entwicklung der Adoptionen in Deutschland konkret aus? Nach Angaben des Statistischen Bundesamts in Wiesbaden ging die Zahl der aus dem Ausland adoptierten Kinder von 2010 bis 2020 um 75 Prozent auf zuletzt 116 zurück. Insgesamt gab es im vergangenen Jahr bundesweit bei allen Adoptionen einen minimalen Anstieg auf knapp 3800 Kinder. Zum Vergleich: Im Jahr 1995 waren es noch rund 7970.

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Anteil von Stiefkindadoption nimmt in Deutschland kontinuierlich zu

Interessant ist auch: Während die Anzahl der Adoption von fremden Kindern weiter sinkt, nimmt der Anteil von Stiefkindadoptionen kontinuierlich zu. Laut Statistik machen sie bundesweit fast zwei Drittel (65 Prozent) aller Fälle aus, in Rheinland Pfalz waren es sogar knapp 70 Prozent, in Hessen rund 61. „Auffallend ist, dass die Anzahl von Säuglingen bei der Stiefkindadoption sehr hoch ist“, sagte Carmen Thiele vom Bundesverband der Pflege- und Adoptivfamilien (Pfad) in Berlin.

Diese Grafik zeigt die Entwicklung von Adoptionen in Deutschland.  Grafik: Ben Bolte, Redaktion: J. Schneider

Das könne unter anderem auf die Situation bei homosexuellen Paaren zurückgeführt werden, erklärt sie. Wenn beispielsweise bei einem Frauenpaar eine der beiden das Kind austrage, müsse die andere Frau eine Stiefkindadoption beantragen, um den Status der Elternschaft zu erreichen. Zudem sei denkbar, dass das Thema Leihmutterschaft zu dieser Entwicklung beitrage, sagte Thiele. „Nachgewiesen ist das aber nicht.“

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Egger-Otholt arbeitet seit elf Jahren in der Mainzer Adoptionsvermittlungsstelle. Die Juristin beobachtet auch einen Wandel zu einem offeneren Umgang mit Adoptionen. Heutzutage werde viel mehr darauf geschaut, Familien besser zu beraten und zu begleiten und den Kontakt zwischen allen Beteiligten zu ermöglichen. Das sei für alle von Vorteil: für die aufnehmenden Eltern, die abgebenden Mütter und Väter – und natürlich für das Kind.

Die Aufklärung über die Herkunft des Kindes sei enorm wichtig. „Dann ist auch die Gefahr, dass es sich in schwierigen Phasen wie der Pubertät abwendet, viel geringer.“ Denn, so betont die Expertin: „Das Kind ist immer ein Kind mit zwei Familien.“