Eine Biene auf einer Blüte. Foto: Imago Images

Der Königinnenwald ist ein besonderer Ort. Dabei sieht er gar nicht so aus. In dem kleinen Waldstück stehen neben Laubbäumen die üblichen Brandenburger Kiefern, hoch und schlank. Der Acker daneben ist platt und weit.

Für einen Imker und seine wichtigsten Bienen ist diese Stelle ziemlich perfekt. Das Wäldchen steht auf leicht hügeligem Grund, sodass die Stelle windgeschützt ist und die Insekten beim Flug nicht so schnell davongeweht werden. Auch gibt es Wasser für die Bienen. Außerdem ist das Wäldchen fernab des nächsten Dorfes, sodass die Bienen niemanden stören.

Der Imker Bernd Rümenapf in Rägelin.  Foto: Benjamin Pritzkuleit

Hier in seinem Königinnenwald gründet Bernd Rümenapf gerade wieder ein paar neue Völker. Der Imker hat mehr als 30 kleine Wabenkästchen zwischen den Bäumen aufgestellt. In den Holzkisten sind die Waben. Dort lebt jeweils eine Königin. Rümenapf erzählt, dass auch deren Eier anfangs ganz normal aussehen. Sie werden nur deshalb zu einer Königin, weil die anderen Bienen sie mit dem legendären Gelée Royale füttern.

Die Königin legt die Eier und prägt so die Eigenschaften ihres Volkes. Die Imker haben bei der Königinnenzucht klare Ziele: Die Bienen sollen viel Honig produzieren und wenig stechen, also nicht allzu aggressiv sein – aber auch vital und widerstandsfähig. „Sie müssen sich gegen Wespen wehren können“, sagt Rümenapf.

„Jede Königin hat ihren Hofstaat mit jeweils etwa 300 Bienen“, erzählt er. Irgendwann fliegt die Königin hinaus, wird während des Fluges von acht bis zehn Drohnen begattet, die kurz danach sterben. Die Königin kehrt zurück und legt etwa 2000 Eier – und ihr Volk wächst.

Hier im Königinnenwald sind Rümenapfs Bienen dabei ganz ungestört. Rümenapf lebt am Rande des einstigen Bombodroms, einer riesigen Heidelandschaft in Nordbrandenburg, die seit 1952 als Manövergebiet diente für die Panzer und Flugzeuge der Sowjetarmee. Nach Jahren des erbitterten Protestes gab die Bundeswehr 2009 ihre Pläne auf, das Manövergebiet weiter zu nutzen. Nun steht die Kyritz-Ruppiner Heide in weiten Teilen unter Naturschutz.

Bei uns entsteht der meiste Heidehonig Deutschlands.

Bernd Rümenapf

Der kräftig, würzige Heidehonig ist sein Verkaufshit und der Grund, warum Rümenapf auch nach dem Ende der DDR als Berufsimker vom Honig leben konnte. Auch als Rentner (64) macht er nun weiter. Auch, weil er das für wichtig hält in Zeiten des Artensterbens – von dem besonders die Insekten betroffen sind.

Neben dem Weißtannenhonig aus dem Schwarzwald ist sein Heidehonig der seltenste und teuerste in Deutschland. „Viele glauben ja, dass er mehrheitlich aus der berühmten Lüneburger Heide kommt“, sagt der Imker aus dem Örtchen Rägelin. Doch dort sei wenig Platz für Bienen. „Ende August, wenn hier bei uns die Heide prachtvoll blüht, dann bringen Imker aus ganz Deutschland etwa 3000 Bienenvölker zu uns – auch aus der Region Lüneburger. Bei uns entsteht der meiste Heidehonig Deutschlands“, sagt er stolz. In seinem Hofladen kostet das Glas einfacher Rapshonig 4 Euro, der Heidehonig 7 Euro. Er beliefert auch die Lüneburger. „Dort wird er für 12,99 Euro verkauft.“

Dass in den vergangenen Jahrzehnten viele Imker aufgaben, hat viele Gründe: Der Markt wird von oft verunreinigtem oder gepanschtem Billighonig zum Beispiel aus China überschwemmt. Außerdem wurden tödliche Insektenkrankheiten eingeschleppt, die in Zeiten des Klimawandels immer größere Schäden anrichten und ganze Bienenvölker verenden lassen. Und dann ist da noch das allgemeine Insektensterben, für das viele vor allem die ständige Intensivierung der Landwirtschaft verantwortlich machen.

Die Lieblingsinsekten sind Libellen, Schmetterlinge und Bienen 

Das, was in den 80er-Jahren das Waldsterben war, ist inzwischen das Insektensterben. Damals wurde die Angst um den deutschen Wald zur Initialzündung für die Umweltbewegung und für den Aufstieg der Grünen. Nun richtet sich der Blick auf die Insekten.

Dass sich 2019 in Bayern der einst knochenkonservative Markus Söder schlagartig zu einem forschen halbgrünen CSU-Landesvater wandelte, lag vor allem dran, dass dort ein Volksbegehren zum Erhalt der Artenvielfalt einen überwältigenden Erfolg einfuhr: Im diesem durchaus ländlich geprägten Bundesland gaben 1,7 Millionen Bayern ihre Unterschrift. Es folgten Initiativen in Brandenburg und Baden-Württemberg.

Die Bienen von Bernd Rümenapf leben in der Heide quasi chemiefrei und damit paradiesisch. „Alles, was bei mir in den Honig kommt, ist ganz natürlich“, versichert er. „Ich will meinen Kunden nicht zumuten, dass Pflanzenschutzmittel drin sind.“

Alte Bauanhänger aus der DDR, umgebaut zu Bienenwagen.  Foto: Benjamin Pritzkuleit

Er kann ganz genau erkennen, was seine Bienen sammeln. Im Königinnenwald stehen auch drei alte Bauanhänger aus DDR-Zeiten, umgebaut zu Bienenwagen. Die Bienen an der blauen Luke haben alle gelbe Füße. „Das sind die gelben Pollen vom Raps“, erklärt er. Er geht zu einem anderen Volk – und diese haben graue Füße. „Himbeere“, sagt Rümenapf und erklärt: Bei der Rosskastanie sind die Pollen ziegelrot, beim Klatschmohn sind sie schwarz, bei der Kornblume ebenfalls grau und bei der Heide schmutzig-gelb.

Wenn es so etwas gibt wie die Lieblingsinsekten der Menschen, dann sind es nicht Kakerlaken, Fliegen und Käfer, sondern Libellen, Schmetterlinge und Bienen.

Das nutzen auch die Unterschriftensammler aus. Ihr Motto lautet in Bayern und Brandenburg: „Rettet die Bienen.“ Eine cleverer Schachzug. Mit „Rettet die Mücken“ wäre der Erfolg deutlich kleiner gewesen. Mit der Biene hatten die Umweltschützer einen Kronzeugen, den die Menschen mögen: Sie stechen nur im Notfall und liefern leckeren Honig, und sie bestäuben nicht nur die Obstbäume im Garten, sondern auch 80 Prozent aller Nutz- und Wildpflanzen. Wegen dieser „Bestäubungsleistung“ gilt die Biene nach Rind und Schwein als das drittwichtigste Nutztier des Menschen.

Und wenn es den Bienen draußen in der Natur gut geht, gilt das auch für andere Insekten. Und so konnte die Volksinitiative „Artenvielfalt retten“ in Brandenburg in diesem Januar 73.000 Unterschriften an das Landesparlament übergeben. Die Hauptforderungen sind, dass keine Pestizide in Naturschutzgebieten eingesetzt werden, dass mehr Flächen ökologisch bewirtschaftet werden und dass Landwirte nur subventioniert werden, wenn sie umweltgerecht handeln.

Der hauseigene Honig, er riecht schwer und süß.  Foto: Benjamin Pritzkuleit

Bernd Rümenapf öffnet auf seinem Hof eine Tür, an der das Bild einer großen Biene hängt. Dahinter riecht es nach Honig, schwer und süß. Der Imker zeigt, dass bei ihm die Handarbeit regiert.

Er sagt: „Für das Bienensterben spielten die Pflanzenschutzmittel keine große Rolle“, sagt er. Da sei das Hauptproblem ein Bienenschädling namens Varroamilbe. Trotzdem sei Glyphosat, das umstrittene Pflanzenschutzmittel, für Imker ein Problem, denn ein Kilo Honig dürfe nur 0,05 Milligramm davon enthalten. Bei Brotgetreide sind es 10 Milligramm, also 200-mal mehr. „Sie können also über Brot viel Glyphosat aufnehmen, aber wenn mein Honig den Grenzwert überschreitet, darf ich ihn nicht mal mehr verschenken, sondern muss ihn vernichten.“

Das Hauptproblem in der modernen Landwirtschaft sind seiner Meinung nach die Monokulturen. Riesige Felder mit Mais oder Raps. „In Monokulturen gibt es immer auch dominante Schadinsekten, die oft sehr anpassungsfähig sind. Wir brauchen aber eine breite biologische Vielfalt, dann gibt es auch natürliche Gegenspieler zu den Schadinsekten. Monokulturen verlangen nun mal nach viel Pflanzenschutzmitteln.“

Damit nicht genug. Rümenapf erzählt von einer Gruppe von Insektengiften, die in der breiten Öffentlichkeit noch recht unbekannt sind. Sie tragen den schwierigen Namen Neonicotinoide. Wenn andere Gifte auf dem Acker versprüht werden, kleben sie eine Weile auf den Pflanzen und werden dann vom Regen auch wieder abgespült. „Doch diese Nervengifte werden von den Pflanzen aufgenommen“, erklärt er. In Ahornbäumen soll das Gift vier Jahre lang wirksam sein. Wenn Bienen den Saft solcher Pflanzen saugen, können sie sich vergiften. „Die Bienen verlieren die Orientierung, finden nicht zum Bienenstock zurück. Das Gift setzt sie auch unter einen ewigen Dauerstress, bis sie sterben.“

Die anderen sind am Wochenende an den See zum Baden, und ich kam montags mit einem dicken Auge von den Stichen in die Schule.

Bernd Rümenapf 

Rümenapf will auch von den schönen Dingen erzählen. Dass seine Liebe zu den Bienen eigentlich nur eine auf den zweiten Blick war. Sein Vater war Lehrer und Imker, und er musste ihm als Junge immer helfen. „Mein Bruder sagte, dass er eine Allergie hat, also musste ich ran“, erzählt er. „Das hat mich ziemlich angekotzt: Die anderen sind am Wochenende an den See zum Baden, und ich kam montags mit einem dicken Auge von den Stichen in die Schule.“ Er studierte dann Pädagogik, Mathe und Physik. „Ich dachte, damit bin ich raus aus der Nummer.“

Doch nach dem Studium mussten Lehrer in der DDR drei Jahre lang an jenem Ort arbeiten, der ihnen vom Staat zugewiesen wurde. So landete er in dem Dorf, in dem er noch immer lebt. Für den jungen Lehrer wurden im alten Schulhaus zwei Zimmer hergerichtet. „Ohne Toilette und fließend Wasser, das war eigentlich untragbar.“ Dann lernte er seine Frau kennen, und als das erste Kind geboren wurde, wollten sie raus aus der Enge des Schulgebäudes. Doch das Geld reichte kaum. Da erinnerte er sich an die Imkerei. „Für eine Tonne Honig gab es 14.000 Mark“, sagt er. „So viel konnte ich als Lehrer niemals verdienen.“ Und er wurde Imker. Damals hatte er 120 Völker, jetzt nur noch etwa 30. Nun beliefert er Hotels und Bioläden und kann die Nachfrage nach seinem begehrten Heidehonig gar nicht mehr befriedigen.

Diebe stehlen Bienenvölker 

Dann steigt Bernd Rümenapf in seinen Kleinbus, fährt über Land und will seine Völker in den Kornblumen kontrollieren. Den Bienen drohen vielfältige Gefahren, auch direkt durch Menschen. Auf einem Feld hat er ein Dutzend Bienenkästen aufgestellt. Dazu das Warnschild: „Achtung Videoüberwachung“. Denn Diebe stehlen in der Landwirtschaft nicht nur Kisten voller frisch gestochenem Spargel oder Erdbeeren am Feldrand oder ganze Kuhherden von der Weide, sondern auch Bienenvölker.

Rümenapf geht zu seinen Bienen und schaut, wie die Pollen an ihren Füßen aussehnen. „Grau“, sagt er zufrieden. „Kornblume.“ Dann erzählt er, dass Kornblumen die Lieblingsblüten der meisten Bienen sind. Er lächelt: „Von Bienen könnte ich Ihnen drei Tage lang etwas erzählen, und Sie wüssten immer noch nicht mal die Hälfte.“