Mit 15 würgte die Turnerin Kim Bui das erste Mal ihr Essen heraus, von da an erbrach sie sich mehrmals täglich.
Mit 15 würgte die Turnerin Kim Bui das erste Mal ihr Essen heraus, von da an erbrach sie sich mehrmals täglich. ARD

Immer mal wieder wird es thematisiert und doch: Essstörungen sind nach wie vor das große Tabuthema unter Leistungssportlerinnen und Leistungssportlern. Die ehemalige Weltklasse-Turnerin Kim Bui und Biathlon-Weltmeisterin Miriam Neureuther wissen nur zu genau, was das heißt. Sie haben gehungert für Gold. Sie haben durchlebt, was das System „leichter = besser“ mit einem macht. Und erfahren, wie leicht andauernder Druck, die Leistungsfähigkeit zu steigern und einer ästhetischen Norm zu entsprechen, in die Essstörung führt. Sie wollen nun aufgrund eigener Erfahrungen während ihrer Karriere auf das Problem von Essstörungen im Leistungssport aufmerksam machen.

„Der Sport war mein Leben. Für ihn habe ich alles getan, auch Gewicht verloren“, sagte Neureuther, die unter ihrem Mädchennamen Gössner Erfolge im Biathlon gefeiert hatte, laut einer ARD-Pressemitteilung vom Mittwoch. Erst nach einer schweren Verletzungszeit, in der Leistungssport nicht möglich war, habe sie ihr Essverhalten hinterfragt und dann die Gesundheit vor den Erfolg gestellt.

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In einem Instagram-Post stellte Neureuther klar, dass sie nicht unter Essstörungen gelitten habe. „Das stimmt nicht!“, schrieb die 32-Jährige. Es sei auf sie Druck ausgeübt worden, dass sie abnehmen müsse, um noch schneller laufen zu können, obwohl ihre Leistungen damals schon sehr gut gewesen seien. „Dadurch war ich für kurze Zeit vom Gewicht her sehr an meinem persönlichen Gewichtslimit. Zum Glück hatte ich damals ein sehr gutes familiäres Umfeld und einen tollen Heimtrainer, die mich aufgefangen haben, und ich habe sehr schnell gemerkt, dass der Körper Energie braucht, um Höchstleistung erbringen zu können“, betonte die frühere Biathletin.

Spitzenturinerin Kim Bui litt jahrelang unter einer Essstörung.
Spitzenturinerin Kim Bui litt jahrelang unter einer Essstörung. Schreyer/imago

Bui war 15 Jahre alt, als sie zum ersten Mal das Essen wieder hervorwürgte. „Es musste raus, ich durfte einfach nicht zunehmen“, sagte sie laut Mitteilung. Von da an erbrach sie sich jeden Tag mehrmals. Eine Trainerin habe sie laut eigener Aussage in die Essstörung getrieben, eine andere Trainerin habe sie Jahre später aus diesem Teufelskreis herausgeholt und zu einer Therapie geschickt.

In der Dokumentation des Bayrischen Rundfunks „Hungern für Gold“, die Sonntag, 5. März im Ersten sowie am Mittwoch, 8. März im BR zu sehen ist, wollen Bui und Neureuther über das Tabuthema sprechen und damit anderen Betroffenen helfen.

Biathlon-Weltmeisterin Miriam Neureuther in jungen Jahren.
Biathlon-Weltmeisterin Miriam Neureuther in jungen Jahren. Imago Images/Sammy Minkoff

Gemeinsam mit Betroffenen sowie Expertinnen und Experten wollen Miriam Neureuther und Kim Bui in der BR-Dokumentation „Hungern für Gold“ das Schweigen brechen, bestehende Systeme hinterfragen, Wege und Lösungen aus dem Teufelskreis der Essstörungen aufzeigen.

Denn oft ergibt sich in der Anfangsphase einer Gewichtsabnahme eine Leistungssteigerung, wenn das Optimum im Kraft-Last-Verhältnis erreicht wird. Doch irgendwann kippt das System und die zunächst positiven Effekte kehren sich um, die Leistung wird wieder schlechter. Ein fataler Kreislauf beginnt, denn aus der Unzufriedenheit heraus nimmt der innere und äußere Leistungsdruck weiter zu und es wird noch mehr versucht, Gewicht zu verlieren. Die Essstörung ist dann kaum mehr aufzuhalten – mit teils dramatischen Folgen für die Betroffenen.