Gepanzerte und bewaffnete Polizisten vor dem Pikpa-Camp auf Lesbos. 74 Menschen, darunter 31 Kinder wurden in ein andere Lager gebracht. Foto: Imago-Images/Panagiotis Balaskas

Das Pikpa-Camp auf der griechischen Insel Lesbos war so etwas wie der Gegenentwurf zu den lebensfeindlichen Umständen im abgebrannten Flüchtlingslager Moria. Seit 2012 fanden in dem von der Initiative „Lesbos Solidarity“ in Selbstorganisation geführten Camp 30.000 besonders schutzbedürftige Menschen Zuflucht. Unter ihnen waren viele Kinder, aber auch Krebskranke, Menschen mit Behinderungen oder schweren Gewalterfahrungen. Es gab fließendes Wasser, medizinische Versorgung, Kinder konnten zur Schule gehen. Doch am Freitagmorgen wurde das Camp, das früher einmal ein Ferienlager gewesen war, geräumt.

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Wie Beobachter verschiedener NGOs berichten, begann die Räumung des Camps, in dem zuletzt 74 Menschen – darunter 31 Kinder – wohnten, um 6.30 Uhr am Morgen. Bilder zeigen schwer bewaffnete Polizisten, die mit Helmen und Schilden das Camp umstellen, Menschen in weißen Schutzanzügen gingen hinein. Eine Ankündigung zur Räumung soll es nicht gegeben haben. Allerdings befürchteten die Betreiber und Bewohner von Pikpa ohnehin schon länger, dass es so kommen würde.

Die griechische Regierung hatte sich offen gegen das Camp gestellt. Migrationsminister Notis Mitarakis hatte ein Schreiben veröffentlicht, in dem es hieß, das Lager sei 2012 illegal besetzt worden – und er werde es wieder an seine rechtmäßigen Besitzer zurückgeben. Dabei sei das in den vergangenen Jahren nie ein Thema gewesen, wie eine Vertreterin von „Lesbos Solidarity“ der „Zeit“ sagte. Immer wieder sei die Regierung auch auf die Hilfe der Initiative angewiesen gewesen. Doch nun werde Druck ausgeübt.

Polizei hielt NGOs und Journalisten von der Räumung fern

Während der Räumung hielt die Polizei NGOs, Journalisten und Ärzte fern. Am späten Vormittag brach der erste Bus mit Bewohnern in Richtung des Familienlagers in Kara Tepe auf. Auch in diesem Lager soll laut Beobachtern eine würdevolle Unterbringung gewährleistet sein. Doch es gilt als sicher, dass das nur eine Zwischenstation ist. Denn die griechische Regierung kündigte bereits an, auch dieses Lager spätestens bis zum Jahresende zu schließen.

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Dann bliebe den Menschen wohl nur das Zeltlager von Kara Tepe: Die Zeltstadt, die, nachdem das Lager Moria abgebrannt war, auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz errichtet wurde. Dort gibt es auch Wochen nach der Eröffnung kein fließendes Wasser für die rund 7500 Bewohner. Essen wird einmal am Tag ausgegeben, Elektrizität gibt es nur sehr begrenzt. Bei jedem Herbststurm weicht der unbefestigte Boden unter den Zelten auf, setzt einige von ihnen unter Wasser. Beobachter klagen an, dass dies genau das Bild sei, das Griechenland und die EU in die Welt senden wollen: Wer nach Europa will, dem bieten wir kein menschenwürdiges Leben. Ein solches wartet nun auch auf die Geflüchteten aus Pikpa.