Auf einem Pinnbrett wird der aktuelle Ermittlungsstand der Ermittlungsgruppe „Hieronymus“ gezeigt, auf einem Blatt steht „Tatort Kinderzimmer“. Eine Frau steht im Tatverdacht, ihre beiden leiblichen Kinder, damals zwei und 19 Monate alt, in den Jahren 2011 und 2012 vorsätzlich getötet zu haben. Fabian Strauch/dpa

Wie schlecht muss es einer Mutter gehen, die ihre eigenen Kinder umbringt? Wie verzweifelt muss eine Mama sein, die erst ihr Neugeborenes und ein Jahr später auch dessen ein Jahr älteres Geschwisterkind umbringt? Genau das wird Jessica E. (33) aus Herne jetzt vorgeworfen. Das Absurde: Die Taten liegen mehr als zehn Jahre zurück. Der vermeintliche Doppelmord flog erst auf, als auch das dritte Kind der 33-Jährigen ins Krankenhaus kam. Eine Ärztin brachte die Polizei auf die Spur.

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Wie konnte es zu diesen unglaublichen Verbrechen kommen? Warum geriet die Frau nicht früher ins Visier der Ermittler? Hätte nicht wenigstens der Tod des zweiten Kindes verhindert werden können? Viele Fragen, auf die die Ermittler in Bochum Antworten suchen.

Sie berichten, dass die Frau mit 21 Jahren im Oktober 2010 ihren ersten Sohn zur Welt gebracht hatte. Bereits im September 2011 folgte der zweite Sohn. Möglicherweise durch eine „Überlastungssituation“ habe sie im November 2011 ihrem Zweitgeborenen – einem Schreikind – ein Kissen aufs Gesicht gedrückt, so die Ermittler.

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Killer-Mutti aus Herne rief nach den Taten den Notarzt

Dann rief sie den Notarzt. Das zwei Monate alte Kind wurde reanimiert und starb am nächsten Tag im Krankenhaus. Nach der Obduktion ging man von einem medizinischen Notfall aus. Ermittlungen gegen die Mutter gab es nicht. „Es wurden keine Faserspuren in den Lungen der Kinder gefunden, da das erste Kind einen Schnuller im Mund hatte“, sagt Kriminalhauptkommissarin Stefanie Lienemann.

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Im Mai 2012 versuchte die Frau, auch ihr älteres Kind zu ersticken. Wieder rief sie den Notarzt, wieder starb das reanimierte Kind im Krankenhaus. Wieder ergab die Obduktion keinen Hinweis auf ein Verbrechen. Diesmal wohl, weil das Kind zuvor zehn Tage in der Klinik beatmet wurde.

Jahre später – im Dezember 2015 – brachte die Frau ein drittes Kind zur Welt. Im April 2018 versuchte sie laut Staatsanwaltschaft, auch dieses Kind zu ersticken. Es überlebte. Einer Ärztin kam die Sache komisch vor, sie recherchierte bei den Krankenhäusern, in denen die beiden anderen Kinder starben.

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Stefanie Lienemann (l.), Leiterin der Ermittlungsgruppe PP Bochum, und Dietrich Streßig, Staatsanwaltschaft Bochum, berichten von der Festnahme einer 33-jährigen Frau aus Herne. Fabian Strauch/dpa

Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, ließ neue Gutachten erstellen – unter anderem von einem Spezialisten aus Gießen. Zudem verhörte man neue Zeugen. So kam heraus, dass die Frau gegenüber anderen Menschen von den Taten gesprochen haben soll.

Der Vater der drei Kinder lebte mit der Frau über die gesamte Zeit der Taten in einer Beziehung – aber er war laut den Ermittlern nie zu Hause, wenn die Mutter zu den Kissen griff.

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Tatmotiv der Killer-Mutti: Sie wollte ihre Ruhe

Nach fast dreijährigen Ermittlungen nun der Haftbefehl wegen zweifachen Mordes. Das Motiv: Die Frau habe ihre Ruhe haben wollen. Auch habe sie ihr ausschweifendes Privatleben, welches sie vor der Geburt der Kinder gehabt habe, wieder ausleben wollen, teilte der Staatsanwalt mit. Er sieht bei der Frau eine besondere Schwere der Schuld. Würde ein Gericht dieser Sicht folgen, wäre eine vorzeitige Haftentlassung nach 15 Jahren rechtlich zwar möglich, in der Praxis ist das aber so gut wie ausgeschlossen.

Die Verdächtige habe bei der Verhaftung in ihrer Wohnung in Herne am Dienstag gefasst gewirkt, hieß es bei der Pressekonferenz zu dem Fall. Die 33-Jährige habe sich bislang gegenüber der Polizei nicht zu den Taten geäußert. Die Ermittlungsgruppe „Hieronymus“ arbeitet nun weiter.