Gerd Nefzer erhielt 2018 seinen Oscar in der Kategorie „Beste visuelle Effekte“ für den Film „Blade Runner 2049“. Jetzt ist er für die Spezialeffekte in „Dune“ nominiert. dpa/Carsten Koall

Der zweite Oscar ist für Gerd Nefzer zum Greifen nah, aber ob er ihn persönlich im Hollywood in Empfang nehmen könnte, steht in den Sternen. Mitte März hatte der Spezialeffekte-Künstler aus Schwäbisch Hall in der Londoner Royal Albert Hall seinen Bafta-Sieg gefeiert. Das Science-Fiction-Epos „Dune“ gewann dort fünf der Britischen Filmpreise, darunter auch für Nefzer in der Sparte „Visuelle Effekte“. Doch noch etwas brachte er mit zurück. Nefzer: „Wir sind vorige Woche positiv auf Corona getestet worden.“

Eigentlich wollten der Schwabe Nefzer und seine Frau da schon für die Oscars in Los Angeles sein. „Das ist halt der dümmste Zeitpunkt, den man sich aussuchen konnte“, sagt der 56-Jährige. Sie hätten nur leichte Beschwerden, aber ohne negativen Test darf das Ehepaar die Reise nach Hollywood nicht antreten. Auf die letzte Minute würden sie auch noch am Samstag in den Flieger steigen. „Ich will gar nicht drüber nachdenken, dass ich das verpasse, denn die Chancen stehen ja auch nicht ganz schlecht für uns“, sagt Nefzer mit breitem schwäbischen Akzent.

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Gerd Nefzer mit seinem ersten Oscar, der Schwabe hat gute Chancen auf einen zweiten Goldjungen. dpa/Carsten Koall

Das ist bescheiden tiefgestapelt. Nach vielen Auszeichnungen für die „Dune“-Effekte in dieser Preissaison hat die Filmbranche Nefzer und seine Kollegen zum Oscar-Favoriten erklärt. Nur er selbst nicht. „Da bin ich eher Pessimist und vorsichtig, damit man nicht in ein Loch fällt, wenn etwa 'James Bond' den Oscar gewinnt“, sagt Nefzer augenzwinkernd. Die Effekte-Macher von Filmen wie „Keine Zeit zu sterben“ oder „Spider-Man: No Way Home“ sind ebenfalls nominiert.

„Danke schön, Germany. Thank you. Great“

Auch schon der erste Oscar sei „völlig undenkbar“ gewesen. 2018 hatten Nefzer und drei Kollegen mit ihrer Arbeit an „Blade Runner 2049“, auch unter der Regie von Villeneuve, den Favoriten „Planet der Affen: Survival“ ausgestochen. Damals stand er kopfschüttelnd auf der Bühne und strahlte vor einem Millionenpublikum: „Danke schön, Germany. Thank you. Great“. Beim ersten Mal sei alles so neu und aufregend gewesen, jetzt wäre er „ein klein bisschen lockerer“ und könnte die Oscar-Gala entspannter angehen.

War er bei „Blade Runner 2049“ für Nebel, Regen und Schnee zuständig, so ist er nun der Experte für Sandstürme, Staub und Wind. Das bildgewaltige Science-Fiction-Epos spielt auf dem Wüstenplaneten Arrakis, auf dem gute und böse Mächte um die wertvolle Substanz Spice kämpfen. Gedreht wurde in der Wüste in Jordanien und in Studios in Budapest.

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Die Effekte sind echt, nicht am Computer erstellt

Nefzer erzählt begeistert von „ziemlich aufwendigen“ Spezialeffekten, die er mit einer Crew von über 50 Leuten, nicht am Computer, sondern real am Drehort mit kniffliger Handarbeit bewerkstelligen musste. Sie hätten in der Wüste eigens eine Straße gebaut, um einen 400 Tonnen schweren Kran dorthin zu schaffen. Daran wurde etwa ein Ornithopter, ein libellenartiges Fluggerät, aufgehängt und mit Wind und Staub beschossen. Für eine Szene mit riesigen brennenden Palmen tüftelten sie wochenlang mit aus dünnem Stahlblech gelaserten Palmenwedeln, die in Brand gesteckt wurden.

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Sand, Staub und Wind - eine  Szene des Films "Dune" Warner Bros/dpa

Für eine Studioszene, in der ein Fluggerät in eine Düne crasht, experimentierte Nefzer mit großen Mengen von Dinkelspelzen, also den Hüllen von Getreidekörnern. Auch ein Traktor kam zum Einsatz, um das Gerät durch den „Sand“ zu ziehen. Dabei habe ihm sein alter Beruf geholfen, witzelt Nefzer, ein gelernter Agrartechniker.

„Wir sind ein klassischer Familienbetrieb“

Seit über 30 Jahren ist er im Filmgeschäft. Gegründet wurde die Firma von seinem Schwiegervater Karl Nefzer 1968 als Verleih von Filmautos und anderen Requisiten. In den 1980er Jahren kamen Special Effects dazu, nach vielen Fernsehserien dann Aufträge für Filme wie „Inglourious Basterds“, „Die Tribute von Panem“ oder „Bridge of Spies: Der Unterhändler“.

„Wir sind immer noch ein klassischer Familienbetrieb, mit meinem Schwiegervater, meinem Schwager und mir“, betont der zweifache Vater. Auch seine Tochter und sein Sohn, beides Studenten, würden gelegentlich mithelfen.

„Dune“ ist für zehn Oscars nominiert, darunter als „bester Film“, in vielen Technik-Sparten und für die Musik des deutschen Komponisten Hans Zimmer. Als eines der über 9000 Mitglieder der Film-Akademie darf Nefzer auch über die Oscar-Gewinner mit abstimmen. Natürlich hofft er auf Preise für „Dune“, aber Nefzer begeistert sich für viele nominierte Filme, darunter die Tragikomödie „Coda“ mit dem gehörlosen US-Schauspieler Troy Kotsur. Mit ihm habe er in London ein tolles Treffen gehabt, erzählt Nefzer. „Ich drücke ihm die Daumen“.

Sein erster Oscar ist im Tresor „eingesperrt“

Für seinen Oscar (oder vielleicht bald zwei) müsste er noch einen guten Platz finden. Noch ist er in einen Tresor „eingesperrt“, lacht Nefzer. Er sei so viel unterwegs. Gewöhnlich pendelt er zwischen dem Firmensitz in Schwäbisch Hall, der Dependance auf dem Gelände des Potsdamer Studios Babelsberg und Filmsets in aller Welt. Der Oscar-Gewinn habe ihn wenig verändert. Er sei ein bodenständiger Mensch, doch „als bescheidener Schwabe kann man doch ab und zu mit stolzgeschwellter Brust durch die Welt laufen“, witzelt der Oscar-Anwärter.

Nach dem möglichen zweiten Sieg bliebe nicht viel Zeit zum Ausruhen. Im April fangen die Dreharbeiten für die „Dune“-Fortsetzung an. „Ich freue mich riesig auf den zweiten Teil. Das wird wieder viel Arbeit und auch anstrengend sein, aber wir haben ein sehr schönes Drehbuch“, sagt Nefzer. Und grinst: „Aber mehr darf ich nicht sagen.“