Ein Quadfahrer ist auf einer Landstrasse unterwegs.  Foto: dpa/Thomas Frey

Ein cooles Spielzeug? Will man haben, ganz normal. Und die Unfallgefahr? Nicht dran denken, soll doch Spaß machen. Da können selbst Kinder manchmal nicht widerstehen. Und tatsächlich: Mitte Februar erwischte die Polizei in Bitburg in der Eifel einen neun Jahre alten Jungen am Steuer eines Quads – mit einem siebenjährigen Beifahrer. Bevor es zu Schlimmerem kam, griff die Polizei ein. Doch das Frühjahr naht und das ist Quad-Zeit. Schon jetzt häufen sich Meldungen wie: „Quad stürzt in Graben – 17-Jährige verunglückt tödlich“ oder „Quad fährt in Menschengruppe mit Kindern – drei Schwerverletzte“.

Obwohl sie seit Jahren zum Straßenbild gehören, weiß offensichtlich kaum jemand, wie anders Quads fahren – und wie gefährlich sie sind. Anders als Motorrädern helfe ihnen nicht die Fliehkraft in der Kurve, erklärte Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer in Berlin. Dazu der kurze Radstand, eine Servolenkung gibt es auch nicht – daher machten die vierrädrigen Spaßmobile bei zu schneller Fahrt in Kurven „sehr schnell den Abflug“.

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Der ADAC warnte, Quads seien eher für lockeren Untergrund und das Gelände gebaut. Oft hätten sie kein Differential, das mache sie gewöhnungsbedürftig – vor allem unerfahrenen oder überforderten Fahrern drohten Unfälle. Brockmann betonte allerdings, das Problem des fehlenden Ausgleichsgetriebes sei heute gelöst. Ein Differential sorgt dafür, dass Räder sich in Kurven unterschiedlich schnell drehen, das kurveninnere Rad dreht sich etwas langsamer, das Fahrzeug bleibt gut lenkbar. Ohne ein solches Getriebe drehen alle Räder beim Gasgeben gleich schnell, „im Extremfall“ werde das Fahrzeug geradeaus aus der Kurve herausgetragen, erklärte eine ADAC-Sprecherin.

Auch seien Quads häufig mit Ballonreifen ausgerüstet, deren Druck vergleichsweise gering sei, daher sprächen sie nur indirekt auf Lenkmanöver an. In Kurven erfolge die Reaktion zeitverzögert, dann aber plötzlich und heftig – viele Fahrer lenkten daher zunächst zu stark ein. Da aber der Schwerpunkt hoch und die Spur schmal sei, drohten die Fun-Fahrzeuge zu kippen.

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Gefährlicher Spaß: Das Risiko, bei einem Unfall schwer verletzt oder sogar getötet zu werden, ist laut Unfallexperte bei einem Quad zehnmal höher als beim Auto. 

Aber steigen tatsächlich die Unfallzahlen der kleinen Flitzer mit ihren putzig-dicken Reifen? Nach ADAC-Angaben gibt es keine Zahlen zu Unfällen mit Quads, weder aus den vergangenen Jahren noch aktuelle. Auch Marcus Schmieder von der Polizei Hannover erklärt, dass Unfälle mit Quads nicht einzeln erfasst werden.

Genaue Zahlen haben auch die Unfallforscher nicht. Aus einer Zeitreihe nach Zahlen des Statistischen Bundesamts ergeben sich aber 389 Verunglückte – einschließlich Beifahrer – im Jahr 2019, darunter 12 Tote und 153 Schwerverletzte. 2014 gab es 456 Verunglückte, neun Menschen starben, 170 wurden schwer verletzt. Die Zahlen beziehen sich auf dreirädrige Kraftfahrzeuge unter 1000 Kilogramm Leermasse sowie vierrädrige Fahrzeuge mit maximal 450 bis 600 Kilogramm Leermasse – die Quads. Im Fall leichterer Quads gab es 2014 noch 250 Verunglückte, vier Tote und 60 Schwerverletzte – 2019 waren es 240 Verunglückte, zwei Menschen starben und 55 wurden schwer verletzt.

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Klare Tendenz: Der Anteil der Quads als Hauptverursacher bei den erfassten Unfällen steige, erklärte Brockmann. Lag dieser Anteil 2014 noch bei 63 Prozent, waren es 2019 schon 68,4 Prozent. Bei den leichteren Quads stieg der Anteil von 61 auf 67,9 Prozent.

Aber wie viele Quads sind eigentlich in Deutschland unterwegs? Das Kraftfahrt-Bundesamt hat Quads als „leichte vierrädrige Kraftfahrzeuge“ erfasst, davon gab es demnach im Januar 2020 genau 109.274 in Deutschland, wie Sprecher Stephan Immen erklärt. Brockmann schätzt, dass einschließlich schwererer Quads und landwirtschaftlich genutzter Fahrzeuge rund 180.000 Stück bundesweit fahren dürften.

Das Problem: Das Risiko, bei einem Unfall schwer verletzt oder sogar getötet zu werden, sei bei einem Quad zehnmal höher als beim Auto, erklärte Brockmann. Das Unfallrisiko je gefahrenem Kilometer sei doppelt so hoch wie beim Auto, allerdings seien die Spaßmobile eher nicht auf Langstrecken im Einsatz. Das habe eine Studie der Unfallforscher 2013 ergeben – die Lage habe sich nicht geändert. So starb beispielsweise im vergangenen Jahr in Schiffdorf im niedersächsischen Kreis Cuxhaven ein 32-Jähriger, der mit seinem Quad nach einem Bahnübergang einen Baum rammte und dann drei Meter tief in einen Graben stürzte.

Dass die Unfallzahlen derzeit „gefühlt“ zunehmen liege vermutlich daran, dass der Frühling komme – und mit ihm die Quads, sagte Brockmann. Das änderten weder die Corona-Pandemie noch der Lockdown. Im Gegenteil: „Die Leute suchen kleine Fluchten.“