Glasbläser auf der Insel Murano. Foto: AP/Antonio Calanni

Wer kunstvolle Glaswaren mag – vom Nippes-Vögelchen für ein paar Euro bis zum gigantischen Leuchter für Zehntausende –, besucht gern die venezianische Insel Murano. Deren Glasbläser haben die Pest und die Pandemie überlebt. Ihr Kunsthandwerk hat auch der billigen Konkurrenz aus Asien standgehalten. Doch nun bringen explodierende Energiepreise sie an den Rand ihrer Existenz.

Seit rund 1200 Jahren gibt es die Glaskunst in Venedig, seit 700 Jahren hat sie ihren Sitz auf Murano. Die wenigen Dutzend Glasöfen, die es heute auf der Inselgruppe in der Lagune von Venedig noch gibt, müssen rund um die Uhr feuern, sonst bricht der teure Schmelztiegel im Inneren.
Doch der Methanpreis hat sich seit dem 1. Oktober auf dem Weltmarkt verfünffacht. Um ihre Aufträge zu erfüllen, müssen die Glasbläser nun Verluste machen.

„Die Menschen sind verzweifelt“, sagt Gianni De Checchi, Präsident des Venezianischen Handwerkerverbands Confartiginato. „Wenn es so weitergeht und wir keine Lösung für die plötzlich so unnormalen Gaspreise finden, ist die Glaskunst von Murano in ernster Gefahr.“

Ein mittelgroßer Glasbläser-Betrieb wie der von Simone Cenedese benötigt 12.000 Kubikmeter Gas im Monat, damit die sieben Glasöfen bei Temperaturen von mehr als 1000 Grad Celsius arbeiten können, und das 24 Stunden am Tag. Gewöhnlich werden sie nur einmal pro Jahr im August für Wartungsarbeiten ausgeschaltet. Cenedeses monatliche Gasrechnung beträgt üblicherweise 11.000 bis 13.000 Euro. Grundlage dafür ist eine Festpreisvereinbarung, die am 30. September allerdings ausgelaufen ist.

Jetzt, da er den Unsicherheiten des Marktes ausgesetzt ist, rechnet Cenedese mit einem Anstieg seiner Methankosten auf 60.000 Euro allein im Oktober, denn der Markt für Naturgas ist nicht nur wegen der Nachfrage aus China belastet, sondern auch wegen des unsicheren Nachschubs aus Russland und besorgniserregend niedrigen Lagerbeständen in Europa.

Kunsthandwerker wie Cenedese müssen einen unüberwindbar hohen Anstieg an Energiekosten mit einpreisen, wenn sie jetzt Aufträge erfüllen. Von diesen hatten sie sich eigentlich erhofft, die Löcher der Corona-Krise stopfen zu können, die die Branche 2020 lahmgelegt hatte.

Ein Glasklumpen wird im Ofen aufgeweicht, bei 1000 Grad Celsius. Foto: AP/Antonio Calanni

„Wir können ja keine Preise erhöhen, die wir bereits vereinbart haben“, sagt Cenedese, der in der dritten Generation als Glasbläser arbeitet. „Das bedeutet, dass wir mindestens zwei Monate lang mit Verlust arbeiten werden.“

Cenedese verkauft Dekorationsartikel. „Die braucht man eigentlich nicht, deshalb wird sie keiner mehr bestellen, wenn die Preise nicht erschwinglich sind.“ Wie andere auf Murano überlegt Cenedese, einen seiner Glasöfen abzuschalten, um auf die Krise zu reagieren. Das würde ihn 2000 Euro für den zerbrochenen Schmelztiegel kosten, die Produktion verlangsamen und anstehende Aufträge gefährden.

Weihnachtsbaumschmuck mit Blattgold aus Venedig

Seine fünf Glasbläser bewegen sich in stiller und choreographierter Präzision, wenn sie arbeiten — etwa wie jetzt an 1800 Stück goldbetupften Christbaumschmucks für einen Kunden aus der Schweiz. Der erste Glasbläser trägt einen Stab mit einem rotglühenden Klumpen am Ende, den er gleichmäßig in Blattgold wälzt, bevor er ihn dem Meister übergibt. Dieser erhitzt den Klumpen erneut im Ofen und bläst dann vorsichtig in den Stab, bis sich eine perfekte Kugel wölbt. Sie ist noch immer glühend heiß und rot, als er sie von dem Stab abschneidet.

Ein weiterer Glasbläser greift mit Zangen nach der Kugel, damit der Lehrling mit einem Tropfen geschmolzenen Glases die letzten Verzierungen anbringen kann. Zusammen schaffen sie bis zu 300 Stück in einer Schicht, die um sechs Uhr morgens beginnt und um zwei Uhr nachmittags endet. „Was wir machen, kann keine Maschine“, sagt Meister Davide Cimarosti, 56, der schon seit 42 Jahren als Glasbläser tätig ist.

Die Glasbläser auf Murano arbeiteten bis vor mehreren Jahrzehnten noch mit Holzöfen, die allerdings ungleichmäßige Ergebnisse brachten. Gas dagegen brennt in jenen hohen Temperaturen, die für die zarte und kristallklare - und damit teure - Qualität nötig sind. Auch ist Methan das einzige Gas, das Glasbläser per Gesetz nutzen dürfen, was sie jetzt in eine globale Zwickmühle bringt.

Für den Moment hoffen die Kunsthandwerker, dass sich der internationale Markt bis Ende des Jahres beruhigt, obgleich manche Beobachter glauben, dass die Unsicherheiten bis zum Frühjahr anhalten werden. Trifft dies zu, könnte das der Wirtschaft Muranos und den einzelnen Unternehmen schwere Schäden zufügen.

Die Aussichten für die Glasbläser sind so trübe wie der Herbsthimmel. Foto: AP/Antonio Calanni

Die Regierung in Rom hat italienischen Familien, die mit den hohen Energiepreisen zu kämpfen haben, Unterstützung angeboten, jedoch bislang keine umfassende Hilfe für die Glasbläser von Murano, deren kleine Unternehmen mit ihrem hohen Energiebedarf ganz besonders anfällig sind.
In dieser Woche treffen Handwerker-Lobbyisten sich mit Parlamentsabgeordneten in dem Versuch, direkte Hilfe von der Regierung zu erhalten. Laut De Cecchi ist dies nach neuer EU-Regelung möglich, die im Zuge der Pandemie eingeführt wurde.

Die Branche der Glasbläser Venedigs schrumpft 

Neben den wirtschaftlichen Verlusten haben die Menschen auf Murano auch Angst davor, eine Tradition zu verlieren, die ihrer Inselgruppe den Ruf künstlerischer Exzellenz eingebracht hat. Die Branche ist bereits stark geschrumpft — von einer Industrie mit Tausenden Arbeitskräften in den 1960er- und 1970er-Jahren hin zu einem Netzwerk von zumeist kleinen und mittleren Handwerksbetrieben, in denen rund 300 Glasbläser arbeiten. Die Glasbläser-Tradition auf Murano wurde sie seit Generationen von Vater zu Sohn weitergegeben. Doch selbst als kleines Netzwerk und mit den kreativen Möglichkeiten finden sich kaum noch junge Leute, die in den Werkstätten arbeiten wollen, in denen es im Sommer bis zu 60 Grad Celsius heiß werden kann.

„Diese Tradition, diese Geschichte und diese Kultur sind unbezahlbar. Das geht über den reinen Geldwert der Glasindustrie von Murano hinaus“, sagt Luciano Gambaro, Mitinhaber von Gambaro & Tagliapietra. „Eine über tausend Jahre alte Kultur kann doch nicht wegen eines Gasproblems aufhören.“